Gibt es Wahrheit ohne Einheit?

Predigt zum 7. Ostersonntag Joh 17, 6a.11b-19

Meine Lieblingsanekdote, wenn es um Streit und Konflikte geht: 
Der kleine Max sagt zu seinem Vater:
– Du Papa, was sind das für Beeren dort am Waldrand?
– Das sind Blaubeeren, mein Sohn.
– Blaubeeren?! Aber die sind ja rot?
– Ja, mein Sohn, weil sie noch grün sind!

Blaubeeren, die rot sind, weil sie noch grün sind – komischerweise ergibt so ein Satz tatsächlich Sinn. 
Drei verschiedene Ebenen, drei verschiedene Bezugssysteme bei einer Sache, bei einer Pflanze:
Wenn wir ihre Art bestimmen wollen, dann sind es Blaubeeren.
Wenn wir die aktuelle Farbe der Früchte beschreiben, dann sind sie rot. 
Meinen wir allerdings deren Reife, dann sind sie erst noch grün. 

Ich habe den Eindruck, dass Missverständnis und Konflikt immer dann entstehen, wenn wir einfach drauf los reden, ohne unser inneres Bezugssystem zu benennen, dem Anderen transparent zu machen. 
Wenn wir die jeweils unterschiedlichen Vorerfahrungen, und oft auch unterschiedliche Erwartungen nicht berücksichtigen.
Dann kann sehr schnell passieren, dass ich den Anderen für falsch oder für dumm halte, nur weil er gerade eine andere Farbe bekennt.
Kennen Sie es: jemand betont gerade eine andere Farbe als Sie und Sie denken: wie kann er/sie nur?  

Verfolgen Sie ein wenig den ökumenischen Kirchentag?
Initiative der evangelischen und katholischen Christen.
Es gefällt mir, dass dabei bewusst verbindende Zeichen gesucht und auch medial gesetzt werden. 
Es tut mir gut, dass ein gemeinsames Gespräch stattfindet.

Frère Alois aus Taize sagte bei der Eröffnung: “Auf keinen Fall dürfen wir uns mit dem Skandal unserer Spaltungen abfinden. Christus ist eins.“ 
Jesus betet im heutigen Evangelium um die Einheit, stellt sie in den Vordergrund.
Seine letzte Rede vor der Verhaftung und dem Tod. 
Die Einheit als das Wesentlichste. 

Immer wenn ich dieses Kapitel lese, merke ich, dass Jesus für eine Welt einsteht, wo nicht die Einheit, sondern die Trennung der Rechtfertigung bedarf. 

Ich entdecke immer mehr wie persönlich Jesus die Wahrheit meint, denn sie scheint es bei ihm nur im Zusammenhang mit der Einheit und der Liebe zu geben. 

Als gäbe es keine Wahrheit an sich, sondern nur eine Wahrheit in der Einheit einer Gemeinschaft, deren Mitte die Liebe ist. 

Zugang zu Gott durch die Liebe?

Und doch erwische ich mich noch immer wieder bei dem Denken richtig/falsch, wo ich glaube die Wahrheit ohne Liebe besitzen zu können. 
Kennen Sie es auch, dass Sie manchmal zwar bessere Argumente haben, doch Ihr Gegenüber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen verlieren?
Dass Sie auf einem Gebiet mehr bewandert sind und kennen sich besser aus, doch trotzdem im Gespräch die Beziehung schwächen, sogar verletzen?

Denn dann frage ich mich, wofür waren die Argumente besser – wenn nicht für die Beziehung?

Weil heute der ökumenische Kirchentag stattfindet, werde ich zwei Theologen zu Wort kommen lassen – einen evangelischen und einen katholischen.

Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik die Frage nach der Wahrheit mit einer Episode aufzeigen wollen; es ist eine Episode aus dem pädagogischen Bereich:
Ein Kind wird von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt, ob es wahr sei, dass sein Vater oft betrunken nach Hause kommt? 
Es ist tatsächlich wahr, aber das Kind verneint es. 
Es ist durch die Frage des Lehrers in eine Situation gebracht, der es noch nicht gewachsen ist. 
Das Kind empfindet zwar, dass hier ein unberechtigter Einbruch in die Privatsphäre seiner Familie erfolgt, es kann sich aber noch nicht wehren. Also antwortet das Kind vor allen Mitschülern unwahr. 
Der Lehrer hat hier eine Grenze überschritten. 
Man kann nun zwar die Antwort des Kindes eine Lüge nennen, trotzdem enthält diese Lüge mehr Wahrheit als wenn das Kind die Schwäche seines Vaters vor der Schulklasse preisgegeben hätte. 
Es wird hier nämlich unbewusst ausgedrückt: Herr Lehrer, es ist hier nicht der richtige Ort, nicht die richtige Zeit für die Wahrheit. 

Bonhoeffer bringt mit dieser Episode etwas Wesentliches über die Wahrheit zum Ausdruck: Die Wahrheit hat ihre Grenze und zwar Grenze an der Liebe.
Der Lehrer hat eindeutig diese Grenze überschritten. 

Wahrheit bedarf der Liebe, sonst wird sie zur Nicht-Wahrheit, zur Waffe, die sich gegen den Anderen und gegen mich selbst wendet.

Ich weiss nicht welche Erfahrungen Sie machen, vielleicht sind Sie jemand, der sagt: ich sage immer, was ich denke!
Finde ich sehr sympathisch und mutig und dennoch frage ich dann nach: stellst du dir bevor du sagst, was du denkst, die Frage wieso du ausgerechnet das denkst, was du gerade denkst?
Denn sowohl blau, rot und auch grün kann gleichzeitig richtig sein – ohne dass jemand dabei dumm/falsch ist.  

Stellst du dir die Frage, ob das, was du denkst und auch sagst, der Einheit dient und in der Liebe geschieht?

Der Theologe Karl Rahner beeinflusste mit seiner Theologie nicht nur das Zweite Vatikanische Konzil maßgeblich, sondern illustrierte auch die Wirkungsbedeutung von Dogmen eindringlich, indem er sie wie folgt beschrieb:

„Dogmen haben die gleiche Aufgabe wie Laternen in der Nacht.
Sie dienen einzig dazu, einem den Weg zu erleuchten. 
Nur Betrunkene, die Halt suchen, klammern sich an sie.“

Eine starke Aussage, oder?

Haben wir nicht alle unsere Dogmen, an denen wir uns wie Betrunkene klammern?
Denn dann werden wir den Weg nicht weitergehen. 
Wir werden nicht „in den Himmel finden“, oder den Schlüssel dazu: 

Paul Watzlawik hat sich diese Anekdote einfallen lassen: 
Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet:
“Meinen Schlüssel.“
Nun suchen beide.
Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet:
“Nein, nicht hier, sondern dort hinten — aber dort ist es viel zu finster.” 

Wie oft suchen wir Wahrheit nur dort, wo wir uns auskennen, nur in dem Lichtkegel des eigenen Wissens?

Eigentlich könnte man verzagen und seufzen: dann ist diese Einheit gar nicht möglich!

Ich möchte Sie in ein anderes Erleben einladen – in den Raum, dass es geht. 

Machen Sie bitte bei der folgenden Rechendemostration bitte mit.
Sie ist ganz einfach: 
Merken Sie sich eine Zahl von 1-9. 
Es funktioniert zwar mit jeder Zahl, für die Einfachheit nehmen Sie aber nur eine eher kleinere.
Addieren Sie zu dieser Zahl noch einmal dieselbe Zahl hinzu. 
Und jetzt zählen Sie noch 10 hinzu, und teile das Ergebnis durch 2. 
Nun ziehen Sie die am Anfang gedachte Zahl ab und merken sich das Ergebnis.

Wir alle haben uns eine andere Zahl ausgesucht, haben mit einer anderen angefangen.
Und trotzdem ist Ihr Ergebnis = 5.
Stimmt´s? 

Ich weiss, es ist keine hohe Rechenkunst. 
Ich wollte damit aber etwas deutlich machen.

Es gibt im Leben diese Möglichkeit, dass wir trotz der unterschiedlichsten Vorerfahrungen, trotz der verschiedensten Meinungen und Entscheidungen, dass wir uns unterwegs nicht verlieren. 
Wenn wir auf das „WIE“ achten, wie wir miteinander sind und umgehen, dann können wir uns einigen!

Deswegen schreibe ich mir auf: Jesus bettet die Wahrheit in die Gemeinschaft hinein, in die Einheit, wo ich mich nicht an einer Meinungslaterne klammere, sondern deine Hand nicht loslasse. 

Ich möchte weniger die Gleichgesinnten suchen, viel mehr mit den Gleichherzigen unterwegs sein. 

Gleichherzige, deren Mitte Gott die Liebe ist.

 

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