Bei der Vorbereitung bin ich auf eine Geschichte über Klemens Maria Hofbauer gestossen, der auch der Apostel Wiens genannt wird.
Ein tschechisch-österreichischer Priester, der heilig gesprochen wurde.
Wir reden vom Ende des 18en und Anfang des 19en Jahrhunderts.
Ich gehe davon aus, dass Sie Geschichten lieben und deswegen erzähle ich Ihnen heute eine über Klemens Maria Hofbauer.
Sie haben auch schlecht Möglichkeit Nein zu sagen 🙂
Wenn sich diese Geschichte nicht so abgespielt haben sollte, dann ist sie zumindest gut erfunden.
Klemens liebte vor allem die Armen und die Notleidenden.
Bei jeder Gelegenheit machte er sich auf, um für sie zu betteln.
Eines Tages kam er in ein Gasthaus, in dem man gemütlich beisammensaß. Als er mit seinem Hut von einem Tisch zum anderen ging, geriet er an einen Mann, der alles Kirchliche - sagen wir es so: haßte.
In dem Augenblick, da er ihn um eine Gabe bat, fuhr dieser ihn an: „Wie kommen Sie dazu, mich um Geld zu bitten?“
Kaum hatte er das gesagt, da spuckte er dem Priester ins Gesicht.
Dieser zog ruhig und gefaßt sein Taschentuch heraus, säuberte sich damit das Gesicht und sagte in liebenswürdigem Ton: „Das war für mich. Nun geben Sie bitte noch etwas für meine Armen.“
Und erneut hielt er ihm seinen Hut hin.
Der Angesprochene war von dieser Verhaltensweise so überrascht, daß er seine Geldbörse zog und ihren ganzen Inhalt in den Hut des Heiligen gab.
Das Verhalten des Großstadtapostels hatte gefruchtet, derjenige, der zunächst nichts geben wollte, gab auf einmal alles.
Schön die Geschichte, oder?
Sie gefällt mir, denn Hofbauer bleibt in Verbindung.
Er geht nicht beleidigt weg.
Hofbauer hat nicht einmal versucht sein Gegenüber überzeugen zu wollen, dass die Kirche gut ist, oder dass es eine gute Sache ist für die Armen zu spenden.
Er hat auch nicht auf einen anständigen Umgangston gepocht.
Er hat einen völlig anderen Zugang gefunden.
Sie können es vielleicht anders deuten, ich habe den folgenden Eindruck:
Klemens Maria Hofbauer hat die bisherigen schlechten Erfahrungen seines Gegenübers akzeptiert, seine Vorgeschichte, seinen gutmöglich gerechten Zorn und Empörung über die Kirche.
Hofbauer hatte durch seine - alles andere als egozentrische Reaktion - in seinem Gegenüber einen Glauben an die Güte und Liebe in der Welt berührt.
Er hat den Zugang zu dem Herzen des anderen Mannes gefunden, denn er hatte ihm gute Gründe für sein Verhalten unterstellt.
Hofbauer ist in seinem Inneren die ganze Zeit liebevoll geblieben.
Bleiben ist das Stichwort Jesu im heutigen Evangelium über den Weinstock und die Reben.
Ich habe nachgezählt: insgesamt 8 mal kommt der Begriff „Bleiben“ in diesem Text vor.
Nicht das Abschneiden der Reben ist also das Hauptthema, sondern die Verbindung, das Bleiben.
Bleiben in einem Raum der Liebe - denn ausserhalb von ihm können wir nichts vollbringen - so heisst es bei Jesus.
Wenn wir diesen inneren Raum der Liebe verlassen, scheint uns dann die ganze Welt nicht egoistisch, ausbeuterisch und hinterlistig zu sein?
Da muss man sich schützen, Mauern bauen.
Man merkt manchmal erst gar nicht, dass einem der „Saft“ ausgeht, dass man innerlich verdorrt.
Dieser Hofbauer war zumindest an diesem Tag ganz anders unterwegs.
Er sah nicht nur schwarz-weiss, dachte nicht nur in Entweder-oder-Mustern - im Sinne: es gibt gute und böse Menschen.
Sein Verhalten steht für mich für die Fähigkeit jedes Gegenüber als sehr komplex sehen zu können.
Jede und jeder ist durch ganz eigene Vorerfahrungen geprägt, dennoch tragen wir in uns eine ganze Palette der Möglichkeiten und Gefühle.
Warum erzähle ich es?
Ich glaube, dass einer der Wege, wie man mit dem Anderen in Verbindung bleibt, ist: man vereinfacht keinen.
Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen ähnlich wie mir geht: ich habe natürlich Tage, wo ich mich stark erlebe, schlagfertig antworte, liebevoll zuhöre und hilfreich agiere.
Doch genauso habe ich auch die anderen Tage - wo ich mich ausgelaugt erlebe, gereizt, reagiere unfreundlich, denke abwertend über mich selbst und auch über den Einen oder den Anderen.
Wenn ich aufgrund solcher Tage meine Mitmenschen oder auch mich selber beurteile, abstemple, dann werde ich weder mir noch meinem Gegenüber gerecht.
Viel mehr bin ich dann selbstgerecht.
Und gerade dann verliere ich die Verbindung - dieses „In-einander-bleiben“, von dem Jesus spricht.
In dem Moment, wo ich glaube die Wahrheit über den Anderen gepachtet zu haben, endgültig über ihn Bescheid zu wissen, um sagen zu können - „mit dem ist nichts zu machen, mit dem will ich nichts zu tun haben“ - da werde ich keinem Menschen gerecht - nur selbstgerecht.
Genauso mit mir selbst - überall dort, wo ich mich abwerte, mich auf einen Fehler, eine Pechsträhne der Misserfolge reduziere - kann ich tatsächlich nichts mehr vollbringen, denn ich bin abgeschnitten, bin nicht in der Liebe, das Leben - Gott - kann durch mich nicht mehr fliessen.
Davon kann man aus-gehen.
Ich schmunzle, denn ich habe ungeplant Bezug auf eine kindliche Anekdote genommen:
Fragt die kleine Kerze die große Kerze: "Du, sag mal: ist Durchzug eigentlich gefährlich?" Antwortet die große Kerze: "Davon kannste ausgehen!“
Wenn ich ein Wortspiel versuche: Wovon du in deinem Inneren ausgehst, davon kannst du wie eine Kerze ausgehen…
Deine Annahmen können dich stärken oder zerstören.
Helfen sie dir in Verbindung zu bleiben?
Ich glaube, dass es auch einer der Wege ist, wie man mit dem Göttlichen in Verbindung bleibt.
Man vereinfacht auch nicht Gott.
Ich begrenze Gott nicht auf ein paar religiöse oder moralische Prinzipien, sondern möchte ihn breit und weit, schön und weise annehmen und wahrnehmen.
Man kann in dem heutigen Predigttext verschiedene Schwerpunkte setzen, Sie werden auch die Geschichte über den Priester Hofbauer auf Ihre Weise deuten.
Meine Gedanken haben sich um dieses „Bleiben in der Liebe“ gedreht und die Schlussfolgerung, die ich daraus ziehe lautet:
einfache Lösungen haben ihren Reiz und sind oft die besten, doch eine Vereinfachung des Gegenübers in Beziehungen gehört nicht dazu.
Ich möchte jede Person - auch Gott - möglichst komplex denken und ihr so auch begegnen.