Entkörperung des Geistes vs. Auferstehung des Leibes

Predigt am 18. April 2021
Wo sind die Verstorbenen?
Sind sie tot - „im Grab“?
Oder leben sie - „im Gott“?
Wenn die Christen an die Auferstehung des Leibes glauben, schießen sie sich in der heutigen Zeit selbst ins Abseits oder wenn wir schon vom Körper reden, schiessen sie sich selbst ins Knie?
Bereits Apostel Paulus ist bei der Verkündigung der Auferstehung des Leibes damals in Athen ausgelacht worden.

Mittlerweile können wir die Verwesungsprozesse im Grab ziemlich gut nachvollziehen und die Einäscherung scheint auch nicht für die Auferstehung des Leibes zu sprechen. 
Und überhaupt: wenn es heisst, dass mein Körper seine Zellen spätestens alle 7 Jahre erneuert - welcher Körper wird dann auferweckt - der, den ich in der Grundschule hatte, oder der aus der Zeit an der Uni oder der, den ich jetzt habe?
Dieses Leib-Seele-Problem zieht sich als Frage durch die ganze uns bekannte Menschheitsgeschichte hindurch.
 
Platon betrachtete den Körper als Gefängnis für die unsterbliche Seele. 
Aristoteles sprach von der Wechselwirkung der beiden aufeinander und versteht  die Seele als die Form des Leibes (anima forma corporis), doch lehnt die unsterbliche Seele ab. 
Die Christen stehen irgendwo dazwischen mit ihrer Wiedererkennbarkeit auch nach dem Tod. 
Deswegen redet Thomas von Aquin über die Selbigkeit der Form, deren Sein überdauert. 
Warum glauben wir es?
Sind wir so selbstverliebt, dass wir unser Ego, unser Selbstbild nicht aufgeben wollen?

Warum bekennen wir uns nicht wie so viele spirituellen Überzeugungen zu dem Bild von einem grossen Geist, der sich wie ein Ozean in vielen verschiedenen Wellen ausdrückt… 
Jede Welle ist einzigartig, doch sie löst sich auf und kehrt zurück, wird wieder zum Teil von diesem grossen Ganzen ohne auf eigenes Weiterdasein zu bestehen?
Noch einmal: ist der christliche Glaube an eine Auferstehung des Leibes nicht ein naives und überholtes Wunschdenken?
Es mag durchaus sein, ich weiss es nicht. 

Und doch macht mich auch im heutigen Predigttext die Aufforderung Jesu, die er an seine Jünger adressiert, stutzig. 
Er sagt wieder einmal - genauso wie vor einer Woche beim ungläubigen Apostel Thomas: „Fasst mich doch an!“ und dann isst er auch noch einen gebratenen Fisch vor ihren Augen!
Wofür wird die Auferstehung immer auf der Ebene der Körperlichkeit betont? 
Warum reicht es nicht, dass sein Geist weiter lebt? 
Wofür die wiedererkennbare Identität des Körpers und nicht nur des Geistes?
Ich habe bislang nirgendwo eine für mich stimmige Erklärung dafür gefunden.

Ich möchte Ihnen einen Ausschnitt aus dem Buch mit dem Titel „Verteidigung des Menschen“ von Thomas Fuchs vorlesen, damit Sie auch spüren können, warum ich in diesem Glauben an die Auferstehung des Körpers etwas ahne, was auch für uns heute von Bedeutung sein könnte. 
Ich lese vor: 
„Angesichts der technologischen Entwicklungen der Gegenwart, werden wir Zeugen einer erstaunlichen Entmaterialisierung. Nie zuvor in der Geschichte hat die Entkörperung des Geistes, die Sublimierung des Stoffs zur reinen Form, die Umwandlung alles Physischen in Zahlen und Zeichen ein solches Ausmaß erreicht wie heute.
Datenströme umkreisen den Globus in Lichtgeschwindigkeit. 
Digitale Algorithmen erzeugen virtuelle Realitäten und intelligente Roboter betreiben Fabrikanlagen. 
Die Finanzwelt entkoppelt sich in immer komplexeren virtuellen Produkten von der realen Güterproduktion. 
Der Aktienhandel wird zum großen Teil von Computersystemen betrieben.“

Ich habe den Eindruck, wenn ich den Glauben an die Auferstehung des Leibes aufgeben würde, dass etwas Wesentliches verloren ginge. 
Ich weiss es nicht, ich habe da nur so eine Ahnung.  

Würden Sie sich auf ein kleines Experiment einlassen?
Berühren Sie bitte mit Ihrem Zeigefinger etwas in Ihrer Reichweite.
Zum Beispiel die Kirchenbank. 
Spüren Sie, dass Sie etwas berührt haben?
Und jetzt berühren Sie bitte mit dem gleichen Finger Ihre andere Hand. 
Spüren Sie einen Unterschied?
Machen Sie jetzt auch die Erfahrung: ich berühre und werde berührt und zwar in Gleichzeitigkeit?!
Spüren Sie so einen leichten Kipppunkt in sich?
Bitte noch einmal…
Ich berühre…ich werde berührt…
Diese Erfahrung, die wir im Körper machen können, bei der meine Wahrgebung (ich berühre etwas) und meine Wahrnehmung (ich werde berührt) zusammenkommen, erzeugt in mir ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. 
Ich trete in Kontakt mit mir selbst - könnte man sagen.

Könnte es sein, dass wir deswegen die Auferstehung des Leibes betonen, weil im Körper ein räumliches Erleben der Gleichzeitigkeit möglich ist?
Gleichzeitigkeit des Gebens und des Empfanges?

Könnte es ein Hinweis darauf sein, dass unser Geist - anders als unser Körper  - manchmal auch nur ganz flach sein kann? 
Kein Raum, nur eine Fläche, die zwischen verschiedenen Sichtweisen und Urteilen hin und her irrt, doch der Gleichzeitigkeit nicht fähig ist?
Denn dann sehen wir etwas nur als gut oder schlecht oder es ist uns egal. 
3 Punkte - eine Fläche halt.
In der Fläche sehen wir etwas nur als lebendig oder tot oder es ist uns egal.
 
Meine wichtigste Frage im Bezug auf die Auferstehung des Leibes lautet also: 
Könnte es sein, dass es eine vierte Position braucht, die einen Raum aufspannt - eine Position gewissermassen „oben drüber“, die Gleichzeitigkeit ermöglicht?
In Gleichzeitigkeit: gestorben und doch lebendig, bedeutungslos und doch geliebt und geschätzt?

Ist der flache Geist Auswirkung einer Welt, die wir uns erzeugen, damit er in Anpassung gezwungen und damit berechenbar gemacht werden kann?
Ist der flache Geist überhaupt in der Lage in angemessenem Kontakt mit dem Körper zu sein?
Predigt vielleicht daher Jesus unablässig Umkehr von der Sünde?
Sünde als Trennung - Sünde als entweder/oder - Sünde als Trivialisierung der dialogischen Komplexität der Welt?
Ist vielleicht mit der Enttrivialisierung des Geistes, mit seinem Aufrichten im Raum das gemeint, worum es bei der Botschaft der Auferstehung des Leibes gehen könnte?
Kann der flache, angepasste Geist ohne den räumlichen Aspekt des Leibes überhaupt auferstehen?

Ist Jesu Aussage „ich und Vater sind eins“ Ausdruck für einen Geist, der der Trennung widersteht?
Ist sein „wer mich sieht, sieht den Vater“ Ausdruck für einen Geist, der die dialogische Struktur der Seins anerkennt?

Könnte es sein, so wie bei dem Handexperiment, wo ich berühre und gleichzeitig berührt werde, dass überall dort, wo ich sehe und mich gleichzeitig auch als gesehen erlebe; dort, wo ich liebe und mich als geliebt erfahre - dass überall dort die Auferstehung stattfindet?
Könnte der Glaube an eine Wiedererkennung und Wiederbegegnung auch nach dem Tod, die Erfahrung betonen, das Sein sei derart dialogisch, dass wenn ich erkenne - werde ich gleichzeitig erkannt?
Von etwas oder von jemandem, den wir geheimnisvoll Gott nennen?
Für mich hat der Glaube an die Auferstehung des Leibes wesentlich mit einer erkennbaren Identität ausserhalb von unserem Verständnis von Raum und Zeit zu tun. 
Deswegen zum Schluss:
Wie hört sich jetzt für Sie der Satz aus dem heutigen Evangelium an: 
„Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst.“?

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