Agonie versus Ekstase

(Über die Auferstehung anders)

Ich bin ein Kind dieser Zeit. Ich entwickle erst langsam ein Gefühl für die Umwelt. Neulich ist es mir gelungen, drei Monate lang kein einziges Mal das Auto zu benutzen. Auf dem Land, trotz der vielen Termine bin ich mit der nötigen Logistik nur Fahrrad gefahren (Ortswechsel, Schwitzen und Umziehen, Unwetter). 6 Monate lang war ich Vegetarier. Ich habe auch auf die Verpackungen so gut es ging verzichtet. Ich weiss – für Viele von Euch eher Selbstverständlichkeiten. Ich wollte unbedingt meinen Fussabdruck in der Natur verringern. 

Es wurde mir immer bewusster, wie schädlich für die Natur ich lebe. Irgendwann habe ich von einer Bewegung von jungen Frauen gehört, die sich aus Liebe zur Natur sterilisieren lassen, nur damit sie keine Kinder – keine weiteren CO2-Produzenten in die Welt setzen. Unterschwellig freute ich mich über meinen Zölibat und darüber, dass ich keine Kinder habe. 

Mit dieser Sicht könnte man sich sogar über die Corona-Epidemie als Selbstschutz der Natur gegen den ausufernden Konsum des Menschen freuen. 

Es dauerte nicht mehr lange und es war mir klar, dass es für die Natur am besten wäre, wenn es mich nicht gäbe. Einen Verschmutzer, einen Verbraucher weniger. Das Leben als Störfaktor. Der Tod als Ausdruck der Liebe zur Natur und letztendlich der Liebe zum Leben. Belastung durchs Dasein.

Es hört sich für dich vielleicht fremd an, kennst du aber in deinem Leben diese Logik: durch Verzicht – durch sich zurückziehen, etwas verbessern zu wollen? Sozusagen Raum geben, gewähren?

Eine Zwickmühle. Gute Absicht und doch nicht stimmig. 

Dann habe ich einen Film über die Permakultur gesehen. Über Menschen, die dürres Land, bebaute Flächen so zum Leben erwecken, dass es einem den Atem raubt. Bewässerung, Bepflanzung und Ökosystem-denken. Die Natur lebt, blüht und gedeiht wieder.   

Kann es sein, dass der Tod nicht die Lösung ist? Kann es sein, dass der Konsumverzicht zwar wichtig, doch nur ein Teil der Rettung ist? 

Kopernikus muss sich ähnlich gefühlt haben wie ich, als ich realisierte, dass es noch einen anderen Weg gibt. 

Anstatt nur möglichst wenig zu schaden, kann ich so viel Gutes tun, dass die Welt ohne mich viel ärmer wäre. Ich kann so viel für meine Umwelt tun – biologisch und kulturell, dass mein Beitrag fehlen würde. Ich kann diesem unglaublichen, faszinierenden Projekt „Leben“ so nützlich und dienlich sein, dass nicht nur ich dann sagen würde: es ist gut, dass es mich gibt!

Das ist mein Ostern. Meine Auferstehung des Lebens aus dem Tod. 

Ich erlebe Mut zum Leben. Neue Zuversicht.

Agonie versus Ekstase.

Ostern beginnt tatsächlich im Kreuz. Kreuz als Zusammenhalten der Paradoxie – horizontal und vertikal.

Den horizontalen Balken könnte ich als meine Hin-und-Her-Gerissenheit deuten:  Einerseits das Bemühen um Verzicht. Möglichst wenig Schaden anrichten zu wollen. Andererseits das Gute tun. Einen positiven Beitrag zu leisten, der grösser als meine negative Bilanz ausfällt. Gewaltlose, einfache Existenz zusammen mit den heilenden Handlungen. 

Leben wie Jesus halt.

Damit keine der Seiten in sich eine Abwertung für die andere trägt, braucht es aber auch den vertikalen Balken. Sein oberes Ende bewusst als wohlwollender Blick von oben (Himmel-Metaebene) auf – Verzicht und Tun – denn beide wollen dem Leben dienen.Sein unteres Ende unbewusste Lebensführung. Anpassung dem gesellschaftlichen Zeitalter und gleichzeitig intuitive Weisheit als Verankerung in der Erde

Auch hier beides wichtig.

Ostern scheint zu einer weiteren Stufe zu führen. Nach dem Tod. Tod am Kreuz. Eine Zuflucht, wo wir all unsere Bemühungen beherbergen können, ohne etwas abzuwerten. Einen Raum für alles, was wir in unserem Leben getan haben und worauf wir verzichtet haben. Einen Ort, der größer ist als Ja oder Nein. 

Ich habe bei dem Franziskaner Richard Rohr über die Erlösung gelesen. Er kommt zum Schluss, dass es in der Bibel keine bessere Beschreibung für das Heil gibt, als die Verheissung, die Gott dem Volk Israel gibt: Er verspricht, ihnen ein umfassendes Land zu schenken. Gott verheisst uns einen weiten, einen umfassenden Raum – und das ist der Ort, den wir Seele nennen. 

Könnte es sein, dass wenn wir von der rettenden Tat Jesu an Ostern sprechen, die Entdeckung unserer Seele meinen? 

Die göttliche Kraft, durch die wir uns unter allen Umständen für das Leben entscheiden können?

Heisst Ostern, dass der Tod keine Alternative zum Leben ist? 

Dass das Leben ganz groß und ganz schön ist?

Heisst Ostern hören und sagen zu können: es ist so gut, dass es dich gibt?!

Ich erlebe mich so lebendig und so geliebt und so geborgen! 

Es fühlt sich an wie eine Auferstehung…

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