Was ist dein größter Berg?

Edmund Hillary wusste bei der Erstbesteigung des Mount Everest nicht,
ob es überhaupt möglich war, dort oben zu überleben. 
Er wusste nicht, werde ich dort erfrieren? 
Gibt es dort noch Sauerstoff oder werde ich ersticken?
Er stand an einem Ort, an dem noch kein Mensch je gewesen war.
Später sagte er:
„Es war nicht der Berg, den wir besiegten, sondern uns selbst.“

Eine wunderbare Adventsmetapher.
Denn Advent ist die Zeit, in der wir merken:
Bevor wir die Wege nach außen finden,
müssen wir die Wege nach innen suchen.
Bevor wir Gipfel erreichen,
müssen wir die inneren Hindernisse erkennen.
Und manchmal ist der größte Aufstieg nicht der Weg nach oben,
sondern der Weg in uns, in ein neues Bewusstsein.

Ich glaube, es ist völlig in Ordnung, wenn die meisten Menschen gar nicht ein Verlangen haben,
den Mount Everest zu besteigen. 🙂
Doch wenn die Neugier auf die inneren Gipfel –
die unbestiegenen Möglichkeiten ihres Menschseins – einschläft,
sie nicht weiter entwickelt wird,
dann kann ich den Johannes den Täufer sehr gut verstehen.

Er steht in der Wüste, ruft zur Umkehr und klingt dabei hart, dringlich, fast schneidend.
Er ist wie jemand, der uns aus dem Schlaf rütteln will.
Johannes kündigt eine Wende an – ein tiefes Aufbrechen alter Bequemlichkeiten.

Je mehr ich mich damit beschäftige,
was manche Theologen die erste Halbzeit des spirituellen Lebens nennen,
desto klarer sehe ich die Versuchung, es mir gemütlich zu machen in einer Welt,
wie sie eben so ist und wie ich sie bisher kenne.

Damals bei Johannes sagten Leute sinngemäß: 
„Ich weiß Bescheid über Gott, ich stamme ja von Abraham.“
Sie haben ihre innere Sicherheit aus dem Wissen um ihre Herkunft bezogen.

Heute tun so viele Menschen noch immer das Gleiche:
Sie beziehen ihre innere Sicherheit auch aus dem Wissen um ihre Herkunft.
Nur beziehen sie sich nicht auf Abraham, sondern sagen:
„Ich weiß, dass es keinen Gott gibt, denn ich bin ein Kind der Evolution. Das ist meine Herkunft.“
Nicht die Evolution ist dabei das Problem
sondern die Vorstellung, dass Herkunft alles erklärt und alles bestimmt.

Es gibt so viele Arten, wie man sich auf die eigene Herkunft festlegen kann:
…ich musste dies und jenes in meinem Leben erleiden, deswegen kann ich nicht anders…
…ich habe diese und jene Diagnose, deswegen kann ich nur so wenig…
…ich wurde enttäuscht, verraten, deswegen kann ich nicht mehr vertrauen,

kümmere mich nur noch um mich.
Und Ähnliches…

Die Vergangenheit bestimmt alles.
Ich wage kaum noch etwas.
Die Neugier auf das Erforschen meines eigenen Seins – sie verkümmert.

Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt Jesus eine „Zäsur“, einen Bruch mit der Welt der Herkunft.
Es zählt nicht mehr, woher du kommst, sondern wohin du dich entscheidest zu gehen.
In meinen Ohren bietet Jesus neue Gottesbilder an:
Gott ist nicht mehr der ferne Richter, sondern „Abba“ – Papa.
Gott ist nicht mehr der Verwalter menschlicher Lebensinsolvenz,
sondern der Ursprung des Gelingens – die Kraft, die nach vorne zieht.

Und genau hier liegt die adventliche Sprengkraft:
Jesus ruft: „Kehrt um – denn Gott ist euch nah.“ 
Gott möchte, dass euer Leben gelingt.
Das ist eine völlig neue Blickrichtung:
Von der Herkunft weg, hin zu den Auswirkungen, zu den Früchten eines neuen Lebens.
Nicht mehr nur ein Reflex der Vergangenheit, sondern Gestalter und Pionier der Zukunft.

Bei Jesus bedeutet Umkehr keine moralische Korrektur – kein „Benimm dich endlich!“ –,
sondern eine Entscheidung für eine bestimmte Wirklichkeit trotz der bisherigen Erfahrungen.
Mit noch anderen Worten:
Dort, wo alle – wirklich alle – nur einen gekreuzigten Jesus sehen und sagen:
„Das ist das Ende“, zeigt er mit seinem Glauben, 
dass das Kreuz – dieses Gelähmtsein durch Ungerechtigkeit, 
dieses Erstarren durch Leid, 
dieses Verstummen durch Misshandeln – nicht das letzte Wort hat.
Es gibt die „Auferstehung“.
Es kann noch mehr geben, als man denkt.

Mit den Worten von Søren Kierkegaard sinngemäß gesagt:
Glaube ist nicht einfach Tradition, Herkunft oder kulturelles Erbe.
Glaube ist eine existenzielle Entscheidung – ein Sprung, ein mutiger Akt – so wie das Besteigen
des Mount Everest, wo ich nicht weiß, was mich erwartet, es aber dennoch für möglich halte.

Und genau dort setzt Advent an:
im Mut, etwas für möglich zu halten, das ich noch nicht sehe.

Denn Advent könnte für mich/uns heißen:
Ich halte es für möglich.
Für möglich, dass Gott näher ist, als ich denke.
Für möglich, dass mein Leben mehr sein kann als die Summe meiner Verletzungen.
Für möglich, dass die Vergangenheit nicht mein Schicksal ist.
Für möglich, dass in mir Räume liegen, die ich noch nie betreten habe – innere Gipfel,
die darauf warten, entdeckt zu werden.

Johannes ruft uns deshalb nicht aus der Wüste an, um uns Angst zu machen,
sondern um dieses „Für möglich halten“ wieder zu wecken.
Er ruft uns aus der Wüste heraus, weil Wüste der Ort ist,
an dem alles Überflüssige von uns abfällt.

Und Jesus geht noch weiter:
Er zeigt uns nicht nur, dass Veränderung möglich ist,
sondern wie sie aussieht.
Er zeigt uns, dass Umkehr kein moralischer Zeigefinger ist,
sondern ein Perspektivwechsel.
Ein Wechsel von der engen Sicht:
„Ich bin festgelegt. Ich bin begrenzt. Ich kann nicht anders…“
hin zur weiten Sicht:
„Ich bin getragen. Ich bin gewollt. Ich bin eingeladen, weiterzugehen.“

Und das könnte der eigentliche Adventsgedanke werden:
Etwas Größeres kommt – und es beginnt in dir.
Gott treibt uns nicht von außen an,
sondern ruft von innen.

Vielleicht ist der größte Berg, den wir je besteigen müssen,
nicht aus Stein, nicht aus Eis,
sondern aus Gedanken, aus Ängsten, aus alten Mustern.

Und wer sich traut, innerlich aufzubrechen,
wer wagt, Gott für möglich zu halten anstatt zu denken „Ich werde einfach sterben und das war’s“,
der erlebt etwas von dem,
was die Bibel schlicht „neues Leben“ nennt.
Der erlebt, dass Christus –
diese Zäsur, dieser Bruch,
dieser neue Anfang –
nicht nur vor 2000 Jahren passiert ist,
sondern heute.
Hier.
In dir – wenn du es für möglich hältst.

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