Das heilige Stottern

Egal wie lange es dauert und wie viele Menschen hinter mir in der Schlange stehen:
Ich werde jetzt meine „Vollkornbrötchen mit Sonnenblumenkernen“ in voller Ausführlichkeit bestellen.

Den heimlichen Mut für diese Art von Entscheidung aufzubringen
– das kennen nur Menschen mit schwerem Stottern.
Sich den anderen zuzumuten.
Der allgegenwärtigen Eile und Effizienz einen stillen Mittelfinger zu zeigen.
Nicht immer und nicht überall, doch immer wieder.
Nicht aus Trotz, sondern aus Sorge.

Ich stottere nicht, doch ich fühle mich allen „Stotterern“ sehr verbunden.
Immer öfter komme ich mir vor wie in einer Bäckerei,
in der der Eindruck herrscht, man könne etwas ganz für sich bestellen
– etwas, das mit den anderen nichts zu tun hat und auch nichts mit ihnen macht.
Doch genau das kann und will ich immer weniger.

Ich sehne mich nach einem Raum, in dem die wesentlichen Wünsche an das Leben
eine Unterbrechung schaffen dürfen.
Denn sie können nicht nur privat bleiben.

Ich habe zunehmend den Eindruck – und leide darunter –, dass uns jener Bereich verloren geht,
in dem man das „Geheimnis“ des Lebens noch miteinander besprechen,
reflektieren und sich davon berühren lassen kann.
Das Staunen über das Dasein, über die schiere Tatsache unserer Existenz,
scheint der Betriebsamkeit im Weg zu stehen.
Das Ergriffen-Sein, das sich mitteilen möchte, scheint die laufende Privatheit peinlich aufzuhalten.

Je älter ich werde, desto öfter halte ich inne
– und verzögere dadurch die Warteschlange der Wünsche.

Inmitten kluger Vorträge und wissender Ratschläge,
in denen Erfolg, Stärke und Abgehobenheit Vorrang haben,
hört sich meine Rührung wie ein Stottern an.
Sie stört.

So wie mich die stotternde Bestellung eines Menschen beim Bäcker aus meinen um mich selbst kreisenden Alltagsgedanken herausreißt und für einen Augenblick Tiefe und Verbindung anbietet,
so möchte auch ich mich zumuten.
Nicht immer und nicht überall, doch immer wieder möchte ich mich nicht zurücknehmen.

Auf das Risiko hin, belächelt oder bemitleidet zu werden,
will ich über das Menschsein sprechen können.
Über die Liebe und die Freude.
Mit anderen.
Vor anderen.

Ich ringe dabei um Worte und Bilder.
Ich stottere herum.
Ich bin mir dabei selbst manchmal peinlich.

Doch erst jetzt beginne ich zu ahnen, warum es vielleicht einen stotternden Mose gebraucht haben könnte, um ein ganzes Volk aus der Sklaverei herauszuführen.
Nein, ich vergleiche mich nicht mit Mose –
ich bekenne mich zu seinem Mut, etwas zu unterbrechen.

Die Verbindung mit den leisen, unwillkürlichen, weisen Prozessen in uns herzustellen,
ist eine persönliche Arbeit.
Doch ihre Allgemeinheit – die Art, wie sie uns im Verborgenen alle betreffen und zusammenhalten – ist für mich das Eigentliche – das Heilige des Stotterns.

Vielleicht beginnt genau dort, wo wir um Worte ringen, jene Menschlichkeit,
die wir nicht beschleunigen können, ohne sie zu verlieren.

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