Schon jetzt selig

"Ich wünschte, jeder würde reich und berühmt werden. So könnten alle erkennen, dass das nicht die Lösung ist.“ - dies soll der Schauspieler Jim Carrey gesagt haben.

Erinnern Sie sich an die Situation, wo Jesus über seinen Weg nach unten spricht, über die Misshandlung und Tötung,  die ihm bevorsteht?
Die Apostel hören sich das an und streiten unverzüglich darüber, wer von ihnen der nächste „Erzbischof“ werden sollte!
Man kann hier wirklich schallend darüber lachen.
Sie beschäftigen sich nur mit dem Weg nach oben - wer von ihnen ist der Größte.

Der heutige Predigttext sind die Seligpreisungen - wahrscheinlich der berühmteste Teil der Bergpredigt Jesu:
 „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen.
Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“

 Seligpreisungen gehören sicherlich nicht nur bei mir zu dem Kern der christlichen Botschaft. 
Dennoch hatten sie für mich lange auch einen Beigeschmack.
Haben die Kritiker vielleicht recht, wenn sie behaupten, wir Christen würden letztendlich nur auf das Jenseits hoffen?
Hier und jetzt durchhalten, denn der Lohn kommt erst nach dem Tod? 

Franziskanerpater Richard Rohr hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich Jesus , vielleicht genauso wie die Apostel, mit einer anderen Perspektive zuhören/lesen könnte.

Nicht innerlich beschäftigt mit meinem „Erfolg“, sondern verbunden mit meinen „Niederlagen“.
Denn wenn ich die Seligpreisungen als frohe Botschaft für all meine Verletzungen, Erniedrigungen, Misshandlungen höre, ja für all die meinen kleinen Tode, die ich bereits sterben musste, dann haben die Seligpreisungen etwas mit meinem Jetzt und Hier zu tun. 
Und nicht erst mit dem Jenseits!
Wenn sie sich auf all die Momente meines Lebens richten, wo ich regelrecht „durch die Hölle gehen“ musste, dann eröffnet sich mir eine neue Perspektive. 

Übrigens an dieser Stelle finde ich spannend, dass auch wenn die deutsche und englische Sprache es im Apostolischen Glaubensbekenntnis nach dem 2. Vatikanum abgeändert hatte in „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes,…“, blieben viele anderen Sprachen bei der Formulierung, dass Jesus „hinabgestiegen die Hölle“ ist: 
latein - descendit ad inferos
französisch - il est descendu aux enfers
niederländisch - nedergedaald in de hel
italienisch - discese agli inferi
spanisch - descendió a los infiernos

In mir wächst die Überzeugung, dass ich Jesus oft nur von der Perspektive des Kreuzes, des Leidens, des Erlebens „der Hölle“ verstehen könnte. 
Das kann eine schwere Krankheit sein, eine gescheiterte Beziehung oder Verlust eines geliebten Menschen. 

Als könnten verletzte und leidende Menschen eine viel größere Chance haben, klarer zu sehen, worauf es im Leben ankommt. 
Der Ort des Leidens scheint eine einzigartige und wahrscheinlich unerlässliche Perspektive zu eröffnen - ohne das Leiden gutheissen zu wollen.

Dann höre ich die Seligpreisungen wirklich als frohe Botschaft, die mir sagt: 

Selig bist du, dass du dich trotz allen Schmerzes in deinem Leben noch immer um Sanftmut bemühst und nicht zynisch geworden bist.  
Selig bist du, dass du trotz allem Missbrauch, noch immer barmherzig sein willst und nicht verbittert bist. 
Selig bist du, dass du dich trotz aller Korruption und Missstände  nicht zurückgezogen hast, sondern noch immer nach der Gerechtigkeit dürstest und hungerst. 

Sogar das mit der Trauer kann ich jetzt anders hören: 
Selig bist du, der du trauerst, denn das heisst, du fühlst immer noch, du lebst, das ist wirklich gut, dass dein Herz trotz des … nicht kalt geworden ist!

Selig bist du, dass trotz „der Hölle“, durch die du gehen musstest, nicht aufgegeben hast! 
Ich glaube immer mehr, dass Jesus seine Nachfolger mit diesen Seligpreisungen in eine bestimmte Richtung schickt, denn Weisheit scheint aus dem zu erwachsen, was ein Mensch aus seinem Schmerz macht!
Aus seiner Schwäche, aus seiner Ohnmacht. 
 
Dichtern, Künstlern und Propheten war das offensichtlich schon immer klar. 

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