Der junge Paul zerscheppert in der Wohnung seines Onkels eine große Vase.
Der Onkel erblasst im Gesicht und stammelt: „ Die Vase war 200 Jahre alt!“
Darauf Paul erleichtert: „Gott sei Dank! Ich dachte schon, sie wäre neu.“
Im Bezug auf Alter sind wir schon etwas ambivalent, oder?
Die Kinder freuen sich jedes Jahr, dass sie wieder etwas älter geworden sind und dann irgendwann 18 – erwachsen! – ja ja ja!
Feiern eigentlich auch Sie, dass Sie wieder ein Jahr älter geworden sind?
So, in dem Sinne: „Ich bin schon sooo alt!“?
Eher nicht, oder? – ne ne ne!
In den USA kamen jüngst die ältesten Babys aller Zeiten zur Welt.
Die Zwillinge wurden 1992 gezeugt und die Embryos für drei Jahrzehnte eingefroren.
Nun hat eine Leihmutter die Kinder ausgetragen und geboren.
Es ist offensichtlich möglich Embryos einzufrieren und Jahrzehnte lang später weiter wachsen zu lassen.
Es könnte bald möglich sein, dass Kinder geboren werden, deren Eltern schon vor einer langen Zeit im hohen Alter gestorben sind.
Was würden Sie zu einer 200 Jahre alten Vase als Geschenk sagen? – Ja?
Was würden Sie zu einem frisch geborenen Kind, dass bereits bei der Geburt 200 Jahre alt ist, sagen? – Nein?
Künstler Joseph Beuys sprach im Dezember 1968 in der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf fast eine Stunde lang in rheinischem Tonfall die Worte „Ja, Ja, Ja, Ja, Ja, Nee, Nee, Nee, Nee, Nee“.
Man kann viel hineininterpretieren, aber eine allgemein akzeptierte Deutung lautet:
Beuys wollte dadurch die unhinterfragte Dialektik des Alltags ausdrücken.
Wir sind immer mehr herausgefordert uns zu positionieren, zu eigener Entscheidung zu kommen.
Manch eine Entscheidung/Sachlage ist aber gar nicht so eindeutig, es belastet uns – soll ich es machen oder nicht?
Soll ich es gutheissen oder nicht?
Soll ich es glauben oder eher nicht?
Bestätigung und Erleichterung suchen wir dann bei Menschen, die sich ähnlich entscheiden, die der gleichen Meinung sind.
Wenn Sie sich langsam fragen, worauf ich hinaus will, wofür ich all das erzähle, dann würde ich es so formulieren:
Am Anfang dieses Jahres mache ich mir Gedanken über die uralte Einteilung in Freunde und Feinde.
Mein Eindruck ist, dass Leute, die meine Meinung teilen, sehr schnell zu so etwas wie Freunden und wiederum diejenigen, die etwas anders sehen, zu so etwas wie Feinden erklärt werden.
Ich weiß nicht, wie Sie es sehen, stark vereinfacht, könnte ich sagen:
Wenn wir die Demokratie erhalten und sogar weiter entwickeln wollen, dann scheint mir eine der größten Herausforderungen in diesem neuen Jahr der Umgang mit bleibenden Unterschieden in der Einschätzung einer Situation zu sein.
Umgang mit verschiedenen Meinungen.
Jesus wurde einmal gefragt, was ist das wichtigste im Leben – das wichtigste Gebot.
Seine Antwort ist bekannt: Liebet einander!
Liebe ist vielleicht für so viele Menschen ein zu großes Wort.
Ich persönlich bin noch nicht so weit, alle zu lieben.
Aber vielleicht bin ich nur noch der Einzige, dem es so ergeht… 😊
Viel wichtiger ist für mich, dass Jesus nicht sagt, was wir zu glauben haben – sondern wie wir miteinander umgehen sollten.
Er verschiebt Fokus von „Was glaubst du?“ hin zu einem „Wie gehst du mit mir um?“
Ich denke darüber viel nach:
wenn wir versuchen uns nur über Inhalte gleicher zu werden, näher zu kommen, wenn wir erwarten, dass möglichst viele so die Welt sehen, wie ich, wie wir, dann wartet die Freund-Feind-Denkweise gleich hinter der Ecke.
Wenn wir aber versuchen würden uns darin gleicher zu werden, wie wir miteinander umgehen, trotz der unterschiedlichen Meinungen, dann könnte es eine Unterbrechung dieses Entweder-Oder-Mechanismus werden.
Ich glaube, dass uns dann Lösungen einfallen würden, die die alte Denkweise Freund-Feind unterbrechen.
So wie bei einem Bauer.
Darf ich Ihnen zum Schluss noch eine Kurzgeschichte erzählen?
(Wenn es wirklich schon Schluss ist, dann ja…😊 )
In der Kurzgeschichte, die ich Ihnen jetzt anbiete, tut ein Bauer etwas, was einem in der Freund-Feind-Denke absurd erscheint:
Es war einmal vor langer Zeit – vermutlich im amerikanischen Mittelwesten, aber das weiß man nicht mehr so genau – ein Bauer.
Die Lieblingsbeschäftigung dieses Bauern war sein Mais.
Er züchtete, kreuzte, experimentierte mit Dünger und versuchte, seinen Mais zu verbessern.
Er konnte auch die Früchte seiner Arbeit ernten, denn bei jedem Erntedankfest traten die Bauern der Umgebung mit ihrem Mais gegeneinander an.
Der Mais wurde gekostet, gewogen, die Farbe beurteilt, die Höhe der Maispflanze gemessen und vieles mehr.
Am Abend stand dann der Sieger fest.
Den besten Mais hatte wie immer unser Bauer gewonnen.
Diesmal aber waren Journalisten anwesend, die vom tollen Mais dieses Bauern gehört hatten und darüber berichten wollten.
Die waren sehr verwundert, als der Bauer jedem seiner Nachbarn, ein paar Säcke Saatgut von seinem Mais schenkte.
„Warum tun Sie das? Sie arbeiten das ganze Jahr, haben den besten Mais der ganzen Gegend und jetzt verschenken Sie ih an Ihre Nachbarn?
Dann haben die ja auch den guten Mais und nächstes Jahr haben Sie dann keinen Vorteil mehr!“
Der Bauer antwortete: „Ja, das mache ich jedes Jahr so!
Das ist ja das Geheimnis meines Erfolges.
Ich schenke allen meinen Nachbarn meinen Mais.
Die bauen ihn dann auf ihren Feldern rund um meine Felder an.
Dadurch wird mein Mais in der Mitte nur von erstklassigem Mais bestäubt.
Darum hab ich den besten Mais!
Wenn man nicht das Beste, das man hat, weitergibt, wie soll dann etwas Gutes zurückkommen?“
Für jeden von uns ist etwas anderes das Gute, das Wahre, das Schöne – doch wenn wir unseren Mitmenschen das, was wir für gut, wahr und schön halten, mit einer guten Absicht zur Verfügung stellen, dann könnte es dem Leben um uns herum dienen.
Ich wünsche Ihnen allen in diesem Jahr 2023 den besten Mais!
