"Wenn wir die Welt auf die Sprache der Physik, Chemie oder Biologie reduzieren, dann hört die Sprache über ‚moralische Handlungen‘ auf zu existieren.
Wenn wir fortfahren, nur in wissenschaftlichen Begriffen zu sprechen, dann ist der Abwurf einer Atombombe auf Nagasaki oder die Durchführung biologischer Experimente mit Gefangenen in Konzentrationslagern nicht ‚Mord‘ und es geht dann auch nicht um ‚moralisches Handeln‘.
Worte dieser Art sind für die Wissenschaft als solche irrelevant.
In der gleichen Weise mögen Militärkräfte ein Land angreifen und tausende getöteter Zivilisten als ‚kollateralen Schaden‘ bezeichnen.
Die Naturwissenschaften haben ganz bestimmte Werte.
Sie analysieren Daten in einer Art und Weise, die ihnen erlaubt, Vorhersagen zu treffen und Kontrolle zu erlangen.
Ihre Diskurse sind an diese Ziele gebunden.
Wenn eine Person ausschließlich innerhalb einer gegebenen Tradition bleibt, dann sind andere Wertetraditionen für sie einfach irrelevant oder werden unterdrückt.“ (S.20)
Diese Art von Metaüberlegungen bietet das Büchlein von Kenneth J. Gergen und Mary Gergen unter dem Titel: ‚Einführung in den sozialen Konstruktionismus‘ an.
Sie balancieren meinen wachsenden Unmut über tägliche Berichterstattung in Medien ein wenig aus, denn die Vermischung von Fakten mit ihren Interpretationen ohne die eigene Entscheidung für eine bestimmte Sichtweise transparent zu machen, grenzt für mich langsam an einem Angriff auf die Demokratie.
Die Grundidee des Sozialen Konstruktionismus erscheint ziemlich einfach, doch sie greift tief.
„Alles, was wir für real erachten, ist sozial konstruiert.
Oder, spannungsgeladener formuliert: Nichts ist real, solange Menschen nicht darin übereinstimmen, dass es real ist.
Ihre skeptische Stimme mag antworten:
- Sie meinen, der Tod sei nicht real? - oder der Körper oder die Sonne?
Und die Liste ließe sich endlos weiterführen.
Wir müssen uns an dieser Stelle klar und deutlich ausdrücken:
Soziale Konstruktionistinnen und Konstruktionisten sagen nicht ‚es gibt nichts‘ und sie sagen auch nicht ‚Realität existiert nicht‘.
Immer, wenn Menschen definieren, was ‚Wirklichkeit‘ ist, sprechen sie aus einer kulturellen Tradition heraus.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung:
Wenn wir sagen ‚Sein Vater ist gestorben‘, dann sprechen wir üblicherweise von einem biologischen Standpunkt aus.
Wir konstruieren das Ereignis als Beendigung bestimmter körperlicher Funktionen.
Je nach kultureller Prägung können wir auch formulieren:
‚Er ist in den Himmel gegangen‘,
‚Er wird für immer in ihrem Herzen leben‘,
‚Dies ist der Beginn eines neuen Zyklus seiner Reinkarnation‘,
‚Seine Bürde wurde ihm genommen‘,
‚In seinen drei Kindern setzt sich sein Leben fort‘ oder ‚Die atomische Komposition dieses Subjektes hat sich gewandelt‘.“ (S.10)
Aufmerksam auf das Buch bin ich bei meiner Recherche zu dem Thema des Nicht-Wissens geworden, worauf explizit im dritten Kapitel eingegangen wird.
Es tat mir gut mit dem Ehepaar Gergen über die Erweiterung unserer Ausdrucksformen und über die Fabrikation neuer Welten nachzudenken.
Es war wieder einmal ein Buch, wo ich mir ganz viele prägnant formulierte Sätze unterstrichen habe:
„Inteligenztests zeigen dann auch keine ‚Intelligenzunterschiede‘. Vielmehr konstruieren sie eine Welt, in der Intelligenzunterschiede einleuchtend erscheinen.“
Oder
„Geschichte jenseits von Traditionen zu schreiben ist unmöglich.“
Und noch einer:
„ Ein Therapeut, der sich einer Ursachenzuschreibung verpflichtet fühlt, weiß, noch bevor der Klient zur Türe hereingekommen ist, über dessen Probleme Bescheid. Therapie aus einer ‚Position des Wissens‘ heraus zollt dem ‚Wissen‘ des Klienten keine Anerkennung.“
Die Anteile in mir, die das Wort ‚Wahrheit‘ bisher sehr genierlich in den Mund nahmen, fühlen sich nach dieser Lektüre entspannter, denn es scheint ihnen plausibel zu sein:
„…Wissen als Produkt von Gemeinschaften, das durch einzelne Annahmen, Überzeugungen und Werte gesteuert wird. Aus dieser Sicht geht es dann nicht mehr um ‚Wahrheit für alle‘, sondern um ‚Wahrheit innerhalb der Gemeinschaft‘.
Das Wissen jeder Gruppe funktioniert auf unterschiedliche Weise und dient unterschiedlichen Zwecken.“
Also wie komme ich dazu
- so zu denken, wie ich denke?
- so zu werten, wie ich werte?
- so zu fühlen, wie ich fühle?
- das zu wollen, was ich will?
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