ich möchte und darf hier sein

Ich weiss nicht, wie vertraut Sie mit der digitalen Welt sind. 
Was für eine Rolle sie in Ihrem Alltag spielt. 
Vielleicht gelingt es Ihnen noch relativ analog Ihr Leben zu gestalten. 
Dennoch ist es für uns alle nicht zu übersehen, wie sehr sich große Teile unserer Realität in diese digitale Welt verschieben. 
Ob es um Online-Banking oder um Online-Handel geht, letztendlich läuft fast überall ein digitales Verfahren zumindest im Hintergrund.

Erst neulich habe ich in der Zeitschrift ‚Philosophie‘ gelesen, dass richtig gute virtuelle Grundstücke in der Online-Welt ‚Decentraland‘ für mehr als 2 Millionen US-Dollar verkauft werden. 

Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, dem auch Instagram, Whatsapp, aber auch die Virtual-Reality-Firma Oculus gehören, hat eine neue Firma ‚Metaverse‘ gegründet. 
Dahinter steckt das langfristige Ziel, ein eigenes Universum - eine virtuelle Welt - ein sogenanntes ‚Metaverse‘ aufzubauen. 
Ich zitiere ihn: 
„Man kann sich das Meta-verse als ein verkörpertes Internet vorstellen, bei dem man die Inhalte nicht nur betrachtet, sondern sich in ihnen befindet.“
Herr Zuckerberg hat in dieses Vorhaben bereits 6,4 Milliarden Dollar investiert, damit es den Menschen möglich ist sich eine neue Identität zu entwickeln, mit der sie ihr Leben in der digitalen Welt führen: ein Grundstück kaufen, Haus bauen, soziale Kontakte pflegen, ihren Beruf ausüben und Geld in der Kryptowährung verdienen. 

Wiederum Elon Musk, der momentan reichste Mensch der Erde, hat sich zum obersten Ziel die Kolonisation des Mars gesetzt. 
All seine Aktivitäten - Elektrofahrzeuge Tesla, Raketenprogramm SpaceX, Gigafabriken für Stromspeichermedien unterordnet er diesem Zweck. 

Ist es so etwas wie eine Art Flucht? 
Als würde die Welt, in der wir leben, nie genügen. 
Ist es dem Prinzip des unaufhörlichen Wachstums geschuldet?
Hat es vielleicht mit fehlender Annahme dessen, was ist, zu tun?

Gerade am Fest der ‚Taufe des Herrn‘ wird uns das Bild angeboten, wie Jesus auf dem tiefsten mit den Füßen zu erreichenden Punkt auf unserem Planeten - im Fluss Jordan - getauft wird. 
Szene, wo er sich in die Reihe mit allen anderen ‚Sündern‘ stellt. 
Keine Flucht, sondern ein Bekenntnis zu einer Realität, die nicht tiefer fallen kann, die sich ihrer Unfertigkeiten, Schwächen, ja ‚Sünden‘ bewusst wird.
So wie an Weihnachten die Botschaft nicht zu überhören ist, dass für das unermesslich grosse Göttliche auch ein kleines Kind im Stall gut genug ist, so stellt uns die Taufe Jesu möglicherweise die Frage: 
Warum ist dir deine Welt nicht genug?

Angesprochen habe ich bisher nur die Flucht aus unserer ‚äusseren‘ Wirklichkeit. 
Doch es gibt noch eine andere. 

Gleich nach der Taufe macht Jesus seine Wüstenerfahrung. 
Er widersteht der Versuchung - seine innere Welt würde nicht reichen. 
Versuchung, die nach Bestätigung von Aussen verlangt. 
Titel, Besitz und Macht. 
Anerkennung der Anderen. 
Was alles muss ich werden, was alles muss ich erreichen, damit ich mir endlich genug bin?!

Wir wissen, wie innerlich gefestigt Jesus aus der Wüste zurückkehrt und handelt: 
Er fürchtet sich nicht davor, mit Prostituierten gesehen zu werden oder mit verachteten Zöllnern an einem Tisch zu sitzen. 
Er durchbricht Konventionen und soziale Barrieren. 
Frauen folgen ihm genauso nach wie Männer. 
Er verteidigt die Ehebrecherin und heilt den Diener eines Hauptmanns der feindlichen Besatzungsmacht. 
Ständig fällt er auf, fällt aus der Rolle, wird zum Stein des Anstoßes, zum Skandal, ja politisch unbequem. 
Und darum muss er dann auch beseitigt werden, ja. 
Doch auch in dem letzten Moment der Ungerechtigkeit am Kreuz, biedert er sich niemandem an. 
Denn er scheint fest in dem verankert zu sein, was der Höhepunkt der Botschaft über seine Taufe darstellt: 
die Stimme aus dem Himmel, die er zu sich sagen hört „Du bist mein geliebter Sohn…“
Bis zum letzten Atemzug verlässt er nicht diese ‚Beziehungsrealität‘ mit seinem 'göttlichen' Vater. 
Daraus bezieht er Kraft, weder seine äußere noch seine innere Welt ‚verteufeln‘ zu müssen. 

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, ich kenne sehr wohl auch die Flucht aus meiner inneren Welt. 
Durch den manchmal fast wahllosen Konsum der Medieninhalte wie Filme, Bücher und Zeitungen. 
Ich kenne die Anzeichen des Suchtverhaltens, wenn ich mich ins übermässige Essen oder Sporttreiben flüchte.

Mein Selbstwertgefühl verliert immer wieder die Verankerung in mir und flüchtet sich nach draussen und lechzt nach der Anerkennung der Anderen, versucht fremde Erwartungen zu erfüllen. 
Biedert sich, sei es auch nur auf eine subtile Art und Weise, dem ‚Wichtig-sein-zu-wollen‘ an. 
Ich zweifle an mir, als würde ich nicht genügen. 
Weder äußerlich noch innerlich. 
Ich flüchte aus meiner Wirklichkeit. 

Gerade an dieser Stelle bin ich für diese spirituelle Zusicherung in der Darstellung der Taufe Jesu dankbar, auch für mich heisst es nämlich: 
„Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter“, du persönlich bist gemeint, gewollt und geliebt, so wie du bist. 
Egal, für wie ungenügend du deine Realität auch hältst - nimm sie an, stell dich ihr. 
Du darfst sein!  

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