Ich habe mich unsterblich verliebt.
Sie hat mit uns im Unterricht den Roman ‚Die Schatzinsel‘ von Robert Louis Stevenson gelesen.
Als sie uns die Abenteuer von all den Piraten vorgelesen hat, da hing ich an ihren Lippen.
Ach, meine unvergessliche Grundschullehrerin!
Fünf Jahre später und es ist wieder über mich gekommen.
Verliebt bis über beide Ohren!
Dieses Mal die Mathelehrerin.
Die quadratischen Gleichungen, immer neue Rätsel, an welchen sie mit uns manchmal eine ganze Woche lang arbeitet.
Mathematisch begründete Strategien in Schach.
Ich werde nie ihre Hände vergessen als sie immer wieder die Karten gemischt hat, um uns die Wahrscheinlichkeitsrechnungen beizubringen.
Ach, meine unvergessliche Mathematiklehrerin!
Wieder etwa 5 Jahre später am Gymnasium - sie war in meiner Klasse.
Sie hat jeden Tag Klavier gespielt.
Einen Kinderchor geleitet und mit einer Band aufgetreten.
Kein Blödsinn nach dem Unterricht gemacht, statt dessen Stundenlang ohne ein Muss und Zwang wunderschöne Lieder geübt.
Ich war in sie verliebt - unsterblich.
Ich war damals ein richtig guter Schüler und das nur weil ich sie damit beeindrucken wollte.
Ach, meine unvergessliche Pianistin!
An der Uni sind bei mir aber ernsthafte Zweifel aufgetaucht und zwar in dem Moment, wo ich auf eine interessante Reise verzichtet habe, nur um eine Einladung zum Abendessen mit meinem Professor für das Neue Testament annehmen zu können.
Ich habe mich nämlich in ihn verliebt - und zwar auch unsterblich!
Er war 50 Jahre älter als ich, doch konnte er die Bibel und sonst viele Klassiker auswendig auf griechisch zitieren.
Auf griechisch!
Zweifel kamen auf.
Denn ich erkannte ein Muster.
Ein Liebesmuster.
Ich erkannte, dass die Menschen, die eine Leidenschaft in ihrem Leben haben, die das was sie tun auch lieben, dass diese Menschen eine Anziehungskraft ausstrahlen.
Kennen Sie so etwas in Ihrem Leben auch?
Haben Sie je darüber nachgedacht?
Ich glaube, viele Menschen wollen nur deswegen berühmt werden - sei es als Schriftsteller, als Dichter, als Maler, oder als Sänger - weil sie nicht wirklich lieben, was sie tun.
Wenn wir es lieben würden zu unterrichten, Musik zu spielen oder Menschen zu dienen - wenn wir es wirklich liebten - würden wir uns nicht darum kümmern, ob wir berühmt sind oder nicht, ob wir anerkannt werden oder nicht.
Nur berühmt sein zu wollen ist billig und sinnlos.
Aber da wir so oft nicht lieben, was wir tun, möchten wir uns mit Ruhm bereichern.
Und wir werden dazu auch erzogen - regelrecht verführt - den Erfolg zu lieben und nicht das, was wir tun.
Das Ergebnis ist wichtiger geworden als die Handlung.
Ich glaube sagen zu können, dass man auf diese Weise sehr schnell die innere Freude und die Verbindung zum Leben verliert.
Ich wünsche Ihnen allen in diesem Jahr 2022 die Liebe zu dem was Sie tun - auch wenn es bedeutet, dass Ihr Foto wahrscheinlich nicht jede Woche in der Zeitung stehen wird.
Ich wünsche Ihnen Leidenschaft und Kreativität in dem, was Sie tun, denn so bleiben Sie zwar anonym, doch Sie erfahren etwas von der großen Schönheit der geheimnisvollen Lebenskraft, die manche einfach nur Gott nennen.
Ich wünschen Ihnen, dass Sie schöpferische Menschen werden und sind, denn dann wird die Liebe Ihr Leben ausfüllen.
Und wenn niemand besser, schöner oder klüger, dann werde zumindest ich mich in Sie verlieben.
Versprochen!
(ich werde dann sicher nicht der Einzige, der sich in Sie unsterblich verliebt.)
Ein gesundes Neues Jahr!
Gefällt mir Wird geladen …