Worüber soll ich heute predigen? - habe ich mich gefragt.
Ich könnte versuchen eine wohlige Adventsatmosphäre zu verbreiten, etwas über den Kerzenschein erzählen, möglichst leise, damit ich Sie in Ihren Gedanken nicht zu sehr störe.
In dem Sinne:
- „Können Sie mich da hinten hören?“
- „Ja, aber es stört uns nicht…“ 😀
Und ich habe mich auch an den alten Spruch unter den Pfarrern erinnert: ‚…du darfst über alles predigen, nur nicht über 15 Minuten…‘
An diesem Wochenende führen wir in unseren Gottesdiensten die 2G und 3G Regelungen ein und zwar in einer Zeit, wo ich die Gesellschaft derart gespalten erlebe, dass die Emotionen manchmal innerhalb kürzester Zeit hochkochen.
Sie werden heute vielleicht das Gefühl haben, dass ich die ganze Zeit über Corona und Pandemie rede, doch in Wirklichkeit werde ich nur darüber sprechen, dass für uns Christen - aus meiner Sicht - die Unterscheidung zwischen richtig und falsch zweitrangig sein sollte.
Denn auf der ersten Stelle sehe ich einen liebevollen Umgang miteinander.
Das scheint mir unsere Identität zu sein.
Das ist die Vorstellung von Gott, zu der wir uns bekennen.
Bevor ich anfange, möchte ich Ihnen ein Versprechen geben:
- ich werde Sie nicht belehren. Sollte es bei Ihnen so ankommen, dann bitte ich um Nachsicht, ich habe es so nicht gemeint und habe mich wahrscheinlich ungeschickt ausgedrückt.
- ich will Ihre Meinung nicht ändern. Sie können ruhig meine Sichtweise ablehnen. Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet. Sogar der Papst sagt manchmal Sachen, wo der Vatikan hinterher zurückrudern muss.
Mein Umgang mit der Welt um mich herum, also auch mit der Pandemie, beruht auf folgenden 7 Annahmen:
1. ich gehe bei mir immer davon aus, dass ich nicht genügend Informationen zur Verfügung habe.
Dass ich die Komplexität der Wirklichkeit immer vereinfache, damit ich handlungsfähig bleibe.
Als Erinnerung daran hilft mir immer wieder das Beispiel der Farben.
Wir reden so selbstverständlich von rot, grün, blau…
Genau genommen hat die Natur aber keine Farben.
Physik geht zur Zeit davon aus, dass es in der Natur keine Farben gibt, dafür aber elektromagnetische Strahlung.
Einen Teil dieser Strahlung können wir Menschen wahrnehmen und nennen ihn Licht.
Das für uns sichtbare Licht hat eine Wellenlänge zwischen 380 und 750 Nanometer.
Wenn ich also gerade im Advent ein violettes Gewand trage, dann heisst es nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft, dass dieses Gewand aus einem Stoff hergestellt wird, der alle Lichtanteile außer den Lichtwellen mit einer Wellenlänge von 420 Nanometer absorbiert.
Diese werden reflektiert, treffen auf unser Auge und wir interpretieren sie als „violett“.
Dennoch ist es sehr hilfreich auch weiterhin zu vereinfachen und anstatt von „Reflektieren der Wellen gewisser Länge“ eher über die Farben zu reden.
Übrigens auch das, was wir heute Strahlung nennen, verstehen wir noch nicht ganz - Stichwort „Welle-Teilchen-Dualismus“…
Warum erzähle ich es?
Ich treffe tagtäglich Entscheidungen, von denen ich nur unter gewissen Bedingungen sagen kann, sie sind richtig, aber wenn man präziser werden möchte, dann kann man es nicht mehr so sagen.
Wir vereinfachen tagtäglich und es hilft uns auch - handlungsfähig zu bleiben.
Das gleiche geschieht überall - auch in der Religion:
Wir sehen nicht Gott, es kommt bei uns etwas so an, dass wir es als Gottes Fügung, Gottes Wirken interpretieren, so wie mit den Farben. Wir sprechen über Gott, als wäre er so, wie wir es ausdrücken.
Es hilft uns.
Ob es aber richtig ist, wissen wir letztendlich nicht.
Selbst die Kirche sagt, Gott ist uns nicht verfügbar.
2. Entscheidungen müssen getroffen werden.
Ich kann mich im Leben nicht nicht entscheiden, denn auch wenn ich mich nicht entscheide - hat es Folgen, denn das Leben ist ständig in Bewegung. Wenn ich überleben will, muss ich handlungsfähig bleiben.
Ich entscheide mich daran zu glauben, dass es eine Kraft gibt, die das Gras wachsen lässt.
Ich entscheide mich zu glauben, dass es Gott gibt.
Ich entscheide mich daran zu glauben, dass ich geliebt und gewollt bin.
Ich entscheide mich aufgrund mit zur Verfügung stehenden Informationen dafür, dass ich für den Lauf dieser Welt wichtig bin.
Doch letztendliche Sicherheit, ob meine Entscheidungen „richtig oder falsch“ sind - habe ich nicht.
3. ich übernehme die Verantwortung für meine Entscheidungen.
Wenn ich es nämlich nicht tue, dann fühle ich mich und rede wie ein Opfer.
Wenn ich mich als Opfer erlebe, dann neige ich sehr schnell dazu, die Andersdenkenden als meine Feinde sogar als Täter zu sehen.
Ich bin überzeugt: es bedarf Räume, wo ich mich als Opfer zeigen, mich von der Verantwortung ausruhen darf.
Aber wenn ich in meinem Opfererleben bleibe, dann trage ich in dieser Welt zur Feindseligkeit bei.
Dann verhärten sich die Fronten nur.
Deswegen versuche ich immer, wenn es mir möglich ist, mich als Entscheidungsträger in meiner Welt zu sehen.
Erst dann kann man miteinander sprechen.
Denn mit einem Opfer kann man nicht diskutieren - ein Opfer braucht Mitgefühl und Hilfsangebot - keine Argumente und keine Vorträge.
4. Diskussion halte ich für fruchtbar nur wenn sie aus einer demütigen Haltung des Nichtwissens heraus geführt wird.
Es macht einen grossen Unterschied zu sagen: ich entscheide mich auf etwas zu vertrauen ohne zu wissen, ob es der einzige richtige Weg ist.
Ich stemple dadurch mein Gegenüber nicht ab - als dumm, staatshörig oder als Querdenker.
Was den Umgang mit der Pandemie betrifft, die Argumente beider Seiten kennen wir mittlerweile ziemlich gut - es gibt aus meiner Sicht gute Argumente auf beiden Seiten - sowohl fürs Impfen als auch dagegen.
Ich wiederhole den vorletzten Punkt - ich lasse mich nicht auf einen Argumentenaustausch mit jemandem ein, der nicht die Verantwortung für eigene Entscheidungen übernommen hat und sich weiterhin als Opfer sieht.
5. So verstehe ich auch die Entscheidung unserer Gremien 2G und 3G Gottesdienste einzuführen - es ist unsere Entscheidung, etwas gegen die Pandemie zu tun, ob es der einzig richtige Weg ist, weiss ich nicht.
Ich bin vollgeimpft, aber nicht als Opfer, das dazu gezwungen wurde, sondern als bewusste Entscheidung für mich und als ein Dienst an der Allgemeinheit.
Ich werde weiterhin allen sagen, die Angst vor möglichen Nebenwirkungen haben, dass ich es für einen Akt der Solidarität halte, wenn sie sich impfen lassen.
Bei denen, die sich nicht impfen lassen dürfen - dass sie Masken tragen und sich testen lassen sollten.
Ich habe mich auch gestern getestet - diese Woche bereits zum dritten Mal.
Und gleichzeitig werde ich weiterhin darauf achten, dass auch die Ungeimpften spüren, dass ich ihre Vorgeschichte und Gründe würdige, warum sie sich nicht impfen lassen können oder wollen.
Ich werde sie weiterhin als meine Geschwister sehen und mich freuen, wenn sie zu den Gottesdiensten kommen.
Ich entscheide mich den Politikern zu vertrauen, dass sie nach ihren besten Kräften einen Weg aus der Pandemie suchen und werde ihre Entscheidungen unterstützen - ohne zu wissen, ob sie die einzig Richtigen sind.
Denn auch Politiker vereinfachen, entscheiden mit begrenztem Wissen, doch Entscheidungen müssen nun mal getroffen werden.
Die Unterscheidungen auf denen sie basieren, haben natürlich Konsequenzen.
6.Annahme ist die Lücke: der Zwischenraum des Unbewussten und des Ungewussten. (ehrlich gesagt habe ich erst im Nachhinein entdeckt, dass ich keinen 6ten Punkt habe 🙂 - wenn das nicht die eigentliche Weisheit ist!
7. Meine wichtigste Entscheidung betrifft mein Inneres:
ich will liebesfähig bleiben.
Ich glaube nicht, dass ich oder sonst ein Mensch die absolute Wahrheit erfassen kann.
Ich glaube, wie haben ein größeres Problem als Pandemie und zwar die Menschlichkeit wird bedroht.
Heute heisst es im Evangelium am zweiten Advent: „Ebnet die Strassen! Jede Schlucht soll ausgefüllt werden.“
Ich entscheide mich in meinem Herzen niemanden als meinen Feind zu bezeichnen und auf diese Weise die Wege zueinander zu ebnen.
Wie machen Sie es?
Wie schaffen Sie es in dieser Zeit, die so voll mit verschiedensten Informationen ist - dass Sie Andersdenkende nicht „verteufeln“?
Wie schaffen Sie es in den Ehen, dass Sie nicht mit jemanden unter einem Dach leben müssen, mit dem Sie eine vergiftete Beziehung führen?
Welchen Mechanismus haben Sie sich zugelegt?
Ich merke, es braucht in mir sehr viel Wachheit und Demut, damit ich nicht in Abwertungen kippe.
In diesem Raum bitte ich uns alle, dass wir trotz der Argumente, die wir haben - die Andersdenkenden weiterhin als Familienmitglieder zu betrachten.
Dass wir es versuchen so wie Jesus am Kreuz, sogar in einem Moment der Ungerechtigkeit und der Angst um das eigene Leben, niemanden zu hassen, niemanden zu beschimpfen, sondern Wege zu suchen, wie wir füreinander da sein können.