‚Er-Lösungsraum‘

Eine Ehe, eine Beziehung wäre so viel einfacher, wenn keine zweite Person dabei wäre! 😉
Beziehungen sind kompliziert aber auch stärkend, sie sind berauschend aber auch frustrierend.
Es gibt Augenblicke, da sagen wir uns: ‚ich habe meine Welt im Griff.‘
Und zack - kommt jemand und wirft alles komplett wieder über den Haufen - wir verlieben uns, oder wir streiten uns; es taucht ein neuer Freund auf, oder die lebenslange Freundin geht nicht mehr ans Telefon.
Beziehungen waren schon immer der unberechenbare Faktor in unseren Seifenblasenideen von Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit.

Advent beginnt mit einer Rede über den erscheinenden Menschensohn in den Wolken.
Für die Leute, die die Bibel nicht ernst, sondern wortwörtlich nehmen - kann es der nächste Beweis dafür sein, wie zurückgeblieben und mittelalterlich alle Gläubigen sein müssen, wenn sie so etwas glauben.
Doch für alle, die bereits verstanden haben, dass wirklich große Themen wie Liebe, Leben, Dankbarkeit oder Leid nicht wissenschaftlich messbar sind, für sie ist klar, dass es Bilder braucht:
Menschensohn - ein Begriff aus dem alten Testament - Menschensohn als Vertreter aller Menschen vor Gott, einer in der Mitte - zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung - ein Mittler.

Es ist kein Zufall, dass gleich im nächsten Vers die Erlösung erwähnt wird.
Erlösung, die dieser Menschensohn bringt.
Derjenige, der die Beziehung zwischen Himmel und Erde sichtbar macht.
Derjenige, der den Zwischenraum gestaltet.

Trotz aller Versuche in dieser Darstellung ein endgerichtliches Szenario sehen zu wollen, erreicht mich viel mehr eine Deutung der Ankuft des Menschensohnes als Hinweis auf den Raum, in dem die ‚Er-Lösung‘ im Zwischenraum zu erlangen ist.
Wenn ich in der Bibel nach diesem Begriff der Erlösung suche - stelle ich fest:
Erlösung kann verstanden werden auch als die Fähigkeit und der Wille in der Beziehung zu bleiben wie es Richard Rohr einmal formuliert hat.
Es scheint hier nicht darum zu gehen, dass alle jetzt Christen werden müssen, sondern um einen Lösungsraum für alle.
Was meine ich damit?

Ich glaube sagen zu können, dass wir es alle gleichermassen kennen: die Situationen und die Tage, wo ich mich verletzt, betrogen, enttäuscht fühle und scheine keine Kraft mehr zu haben mich auf die Welt, auf Gott oder auf einen Menschen einzulassen.
Tage, wo ich mich sehr bewusst entscheiden muss - gebe ich auf?
Schlage ich mich nur auf eine Seite und ‚verteufele‘ die Andere?
Lasse ich etwas in mir verbittern?
Die Versuchung ist gross mich dadurch zu entlasten, dass ich aus der Beziehung - aus dem verbindenden Zwischenraum - austrete, mich in ‚meine Wahrheit‘ zurückziehe.

Der Text des 1. Advents beschreibt diesen Entscheidungsmoment recht anschaulich: ‚Tage der Bestürzung und Ratlosigkeit über das Toben und Donnern des Meeres…die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.‘
Doch gerade an solchen Tagen ist die Erlösung ganz nahe, heisst es dann.
Bevor ich auf den Ratschlag eingehe, wofür ich mich entscheiden könnte, wird noch mit einem kurzen Satz das ‚Wie?‘ angesprochen: Wie entscheide ich mich?
„Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“
Ich finde es sehr aussagekräftig zu hören, dass Rausch, Trunkenheit und Sorgen des Alltags gleich gefährlich sind.
Haben wir nicht dieses „Sich-Sorgen-machen“ fast für eine Tugend erklärt?
Dabei scheint es uns von etwas wesentlichen genauso abbringen zu können, wie Alkohol oder Rausch.
Sorgen des Alltags können mich genauso von dem Lösungsraum/Erlösung entfernen wie Rauschmittel.
Was kann also helfen?
Wofür entscheide ich mich?

„Wacht und betet allezeit!“
Das ist der Ratschlag, den wir zum Adventsbeginn bekommen.
Es erinnert mich an die Regel der Benediktiner: ora et labora - bete und arbeite.
Wachet - ich lege mich nicht einfach hin im Sinne: der liebe Gott wird es schon richten.
Betet - in Beziehung mit der Kraft treten, die das Gras wachsen läßt, die letztendlich dafür zuständig ist, dass es etwas und nicht Nichts gibt.
Auch Ignatius von Loyola hat für unser christliches Rollenverständnis eine markante Formel geprägt:„Bete, als hinge alles von dir ab, handle, als hinge alles von Gott ab“.

Auf den ersten Blick klingt das paradox.
Ich habe es oft genau anders herum gehört: „Bete, als hinge alles von Gott ab, handle, als hinge alles von dir ab“.
Das erschien mir eher plausibel: eine gute Formel, um Gebet und Aktion zusammenzubringen.
Aber Ignatius sagt: „Bete, als hinge alles von dir ab, handle, als hinge alles von Gott ab.“
Und die hl. Therese von Lisieux ergänzt noch erläuternd: „vergiss beim Gebet nie, dass du das Deine tun musst, und ... vergiss nie bei deinen Taten, dich der Gnade zu vergewissern“.

So könnte es also gemeint sein: beim Gebet nicht die eigene Verantwortung zu vergessen und beim Handeln auf Gottes Kraft zu vertrauen.

Menschensohn in der Wolke - ein Bild des verbindenden Zwischenraumes.
Bei dieser Deutung kann ich inbrünstig sagen: Maranatha - komm auch in meinem Leben an!


Predigt am 1. Advent 2021 zu dem Text aus Lk 21:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen
und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein
über das Toben und Donnern des Meeres.
Die Menschen werden vor Angst vergehen
in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen;
denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn
in einer Wolke kommen sehen,
mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Wenn dies beginnt,
dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter;
denn eure Erlösung ist nahe.
Nehmt euch in Acht,
dass Rausch und Trunkenheit
und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren
und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht
wie eine Falle;
denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
Wacht und betet allezeit,
damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen
und vor den Menschensohn hintreten könnt!

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