Ein kleines Kind sieht die Gefahr beim Überqueren der Strasse noch nicht, denn es hat weder so eine Information noch so eine Erfahrung.
Ein Kind und ein Erwachsener sehen zwar die gleiche Strasse, aber mit einer anderen inneren Interpretation.
Oder ein anderes Beispiel: es reicht ein Text in einer Fremdsprache und gleich nehmen wir was völlig anderes wahr als die Muttersprachler.
Für den Einen nur eine Aneinanderreihung der Buchstaben oder unleserlicher Zeichen, für den Anderen ein wunderschönes Gedicht.
Letztendlich hat das, was wir um uns herum sehen und wahrnehmen sehr viel damit zu tun, was wir in uns selbst kennen und tragen, wie wir gerade so drauf sind.
Wenn ich am Morgen in den Spiegel schaue und in diesem Spiegel ein Gesicht erblicke, das mich unfreundlich anblickt, so kann ich dieses Gesicht wegen seiner Unfreundlichkeit kräftig beschimpfen.
Davon läßt sich das Gesicht im Spiegel jedoch keinesfalls beeindrucken, sondern schimpft vielmehr kräftig mit.
Ich habe es überprüft, ist so 😃
Auf diese Weise ist es leicht, sich weiterhin gegenseitig zu eskalieren, bis ich schließlich in das verbissene Gesicht schlage und den Spiegel zertrümmere.
Mit dem Badezimmerspiegel wird jedoch niemand dieses Spiel treiben, weil wir uns seiner Spiegelfunktion bewusst sind.
Doch sehr viele Menschen benehmen sich alltäglich so.
Sie kämpfen gegen ihre Feinde in der Umwelt, gegen die bösen Nachbarn, gegen die hinterlistigen Verwandten, gegen die Ungerechtigkeiten ihrer Vorgesetzten, gegen die Gesellschaft und vieles mehr.
Könnte es sein, dass wir da draussen etwas wie das eigene Spiegelbild bekämpfen?
Könnte es sein, dass alles, was mich in der Außenwelt stört, lediglich zeigt, dass ich damit in meinem Inneren noch nicht ausgesöhnt bin, noch nicht im Reinen?
Die Tatsache, dass sich jemand über den Geiz eines anderen aufregt, zeigt vielleicht an, daß er selbst noch mit Geiz zu tun hat.
Sonst könnte es ihn doch nicht stören.
Wenn er selbst großzügig ist, was kümmert ihn dann der Geiz anderer?
Er könnte ihn als Tatsache hinnehmen, ohne sich darüber aufzuregen und sogar auch etwas ausgleichen.
Großzügig dem Anderen gestatten: „wenn er es braucht, soll er halt geizig sein“. Eigentlich eine der besten Methoden zur Selbsterkenntnis: beobachten, was mich stört.
Fällt es Ihnen schwer mir zuzustimmen?
Was denken Sie gerade?
Ich mache noch ein Beispiel:
Regen Sie sich auf, dass das Gras grün ist?
Es wäre nämlich denkbar, dass das Gras rot wäre, aber es ist eben grün.
Über das Grün des Grases regt sich auch niemand auf, da es in unserem Inneren kein Problem ist.
Wir sind halt rot hier drin im Körper und das Gras ist halt grün.
Das Grün des Grases spricht in uns nichts an.
Ich kenne keine Bewegung oder Verein auf der Welt, die das Grün des Grases zu bekämpfen versuchen.
Dass es in der Welt Krieg gibt, darüber erregen sich aber die Gemüter und so beginnt man für den Frieden zu kämpfen.
Weil der Krieg auch in unserem Inneren ein Thema ist.
Und so kämpfen wir für alles mögliche – für Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, Menschlichkeit…
Jetzt komme ich zu dem eigentlichen Punkt meiner Gedanken:
Wenn ich im Spiegel das unfreundliche Gesicht sehe, brauche ich nur zu lächeln, und es wird zurück lächeln, und zwar mit Sicherheit!
Viele wollen die Welt verändern – mit Ratschlägen, mit Belehrungen, mit Vorwürfen, mit Gewalt…
Wäre es nicht einfacher und erfolgreicher, für den Frieden nicht zu kämpfen, sondern ihn in sich selbst herzustellen?
Sozusagen ein Lächeln in den Spiegel meiner Umwelt?
So verstehe ich auch den heutigen Text mit Jesus, der mitten in einem heftigen Wirbelsturm, wo die Wellen in das Boot schlagen und es sich mit Wasser füllt, auf einem Kissen friedlich schläft.
Was für ein Bild?!
Alle anderen sind in Panik – schreien: „wir gehen zugrunde!“
Jesus schläft – friedlich.
Ich kann verstehen, dass uns hier gezeigt werden möchte, dass Jesus stärker als der Wind und das Meer ist, doch wenn wir es nur irgendwohin in das Magische verlagern, klammern wir eine ganze Dimension der Jesu Wunder aus.
Als könnte nur Jesus seine Umwelt verändern, beruhigen, heilen!
Ich bin überzeugt, dass es hier nicht um Magie oder Zauberei geht.
Wir finden bei Jesus nirgendwo märchenhafte Unmöglichkeiten vor.
Nirgendwo wird ein geküsster Frosch zu einem Prinzen.
Nirgendwo reden Bäume.
Es ist sogar eine Versuchung Steine in Brot verwandeln zu wollen, auf die sich Jesus nicht einlässt.
Jesus stellt eine eigentümliche Frage seinen Jüngern:
„Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“
Jesus zeigt sich fast enttäuscht, dass die Anderen noch immer nicht glauben können.
Was glauben?
Was lebt uns Jesus hier vor?
Alles um ihn herum wird so, wie sein Inneres bereits ist: ruhig und still…
Als möchte uns hier gezeigt werden:
Jeder Mensch ist in der Lage, die Welt um sich herum zu gestalten, zu verändern, und zwar ganz ohne Kampf und ganz ohne äußere Macht.
Der Mensch braucht nur sich selbst zu ändern, und siehe, seine Umwelt ändert sich mit ihm.
Ändern wir mit unserer Haltung, Art des Lebens nicht auch das Klima?
Ich erinnere mich an – aus meiner Sicht – ähnliche Situation, als die Jünger zu Jesus sagen – „die Menschen sind hungrig, mach etwas…schick sie nach Hause“ und die Antwort Jesu lautet:
„Gebt ihr doch den Menschen zu essen“.
Es waren über 5000 Leute versammelt und die Jünger fangen ein paar Brote und Fische zusammenzuzählen.
So richtig kleinlich.
Wortwörtlich verstanden.
Rein gar nichts verstanden!
Auch da bleibt Jesus ruhig, spricht ein Dankgebet und es geschieht ein Wunder.
Ein Dankgebet spricht nur jemand, der bereits satt ist oder das Essen vor ihm steht.
… und alle um ihn herum wurden satt…
Jesus wollte aber, dass die Jünger es machen.
Denn für Jesus scheint das eigentliche Wunder nicht darin zu bestehen, dass die Menge satt wird, oder das Meer ruhig.
Das wahre Wunder scheint für ihn der Glaubenssprung zu sein, etwas für möglich zu halten – die Spiegelung zwischen meinem Inneren und der „äusseren Welt“.
Wir scheinen immer wieder auf den Zug des magischen Denkens aufzuspringen: „Jesus kann so etwas, ich aber nicht“.
Und deswegen muss ich noch mehr beten, an Jesus verbal rütteln, damit ER es macht.
Halte ich es für möglich, dass mein Sturm, meine Angst, mein Schiffbruch damit zu tun haben könnte, wie ich in den Spiegel schaue?
Dass ich jederzeit die Möglichkeit habe mit Lächeln, mit Vertrauen, mit mich Überlassen anzufangen?
Vielleicht in der Form von einem Dankgebet?
Dass es keiner Magie bedarf?
Dass Gottes Hilfe sich eher darin zeigen könnte, dass ich nicht aufgebe, beharrlich an der „Mitschöpfung“ der Welt um mich herum dranbleibe?
Manchmal habe ich auch Angst, ja es gibt immer wieder auch Momente der Panik, des Ungerechtigkeitserlebens, der Gewalterfahrung als würde man gleich ertrinken.
Momente, wo ich in Gottes Richtung bete: ich gehe zugrunde, wach auf Jesus, wach auf Gott! Mach etwas!
Kennen Sie es auch?
Gestern Abend nach der Vorbereitung dieser Predigt habe ich jemanden angerufen, von dem ich in meiner Wahrgebung ungerecht behandelt wurde und es ihm auch vorgeworfen habe.
Er ist tatsächlich ans Telefon gegangen.
Ich habe gestern um Verzeihung für meine Reaktion, meine Vorwürfe gebeten, habe versucht mich in seine Lage zu versetzen und mich entschuldigt.
Ich habe gestern, auch wenn es mir nicht ganz danach war, in den Spiegel hinein gelächelt.
Der Spiegel hat zurück gelächelt.
Wir haben die Sache von beiden Seiten angeschaut.
Ganz rein und heil ist es in mir noch nicht, dennoch muss ich mich vor dem Treffen mit diesem Menschen irgendwo auf der Strasse nicht mehr fürchten und ich ärgere mich auch nicht mehr über den Vorfall.
Der Sturm in mir ist still geworden.
Ich möchte weitere Stürme beruhigen … ich beginne Gefallen daran zu gewinnen.
Was ist dein Sturm?
Wo könntest du den Sprung wagen zu glauben, dass du es ändern kannst?
Predigttext Mk 4, 35–41
An jenem Tag,
als es Abend geworden war,
sagte Jesus zu seinen Jüngern:
Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.
Sie schickten die Leute fort
und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg;
und andere Boote begleiteten ihn.
Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm
und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.
Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief.
Sie weckten ihn
und riefen:
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Da stand er auf,
drohte dem Wind
und sagte zu dem See: Schweig,
sei still!
Und der Wind legte sich
und es trat völlige Stille ein.
Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst?
Habt ihr noch keinen Glauben?
Da ergriff sie große Furcht
und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser,
dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?
