Pfingsten – einander träumen?

Die katholische Kirche hat 245 Dogmen. 
Nur in 5 davon wird der hl. Geist genannt. 
Die östliche/orthodoxe Kirche spricht von der Geistvergessenheit hier im Westen und der Betonung eher rationaler Intellektualität. 

Nicht östliche Religionen, sondern östliche Christen haben seit über 1000 Jahren hauptsächlich nur zwei Schwierigkeiten mit uns westlichen Christen, bzw. Katholiken:
Primat des Papstes und Filioque-Frage – also wie ist der Hl. Geist zu verstehen. 

Filioque ist ein lateinisches Wort: „mit dem Sohn“. 

Wir feiern heute das Pfingsten – die Sendung des hl. Geistes zu den Jüngern Jesu und seine bleibende Gegenwart in der Kirche. 
Ich gehe davon aus, dass Sie abends im Bett nicht die Dogmen der katholischen Kirche lesen, deswegen ein kurzer Blick auf die 5 Dogmen.

Nr. 34: In Gott sind drei Personen, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist. Jede der drei Personen besitzt dieselbe göttliche Wesenheit.

Nr. 38: Der Hl. Geist geht aus dem Vater und dem Sohn als einem einzigen Prinzip durch eine einzige Hauchung hervor.

Nr. 39: Der Hl. Geist geht nicht durch Zeugung hervor.

Nr. 42: Die drei göttlichen Personen sind ineinander.

Nr. 43: Alle Tätigkeiten nach außen sind den drei Personen gemeinsam.

Im Evangelium haben wir eben gehört, dass Jesus die Apostel anhaucht mit dem hl. Geist. 
Es gibt drei Begriffe der Entstehung: Zeugung, Schöpfung und die Hauchung. 
Die Hauchung erklärt die Hervorgehung des Heiligen Geistes aus den beiden göttlichen Personen Vater und Sohn.
Der Begriff Hauchung ist mit dem Filioque-Streit verbunden. 

Die Streitfrage könnte man an dem Dogma Nr. 38 festmachen – haucht der Sohn den hl. Geist mit, oder so wie der Vater den Sohn allein zeugt, haucht er den hl. Geist auch allein hervor?

Ich sehe unter uns gerade auch mehrere Geschwister aus der evangelischen Kirche, deswegen ist vielleicht auch für Sie wichtig zu wissen, dass hier im Westen glauben auch alle evangelischen Kirchen – sowohl lutherisch als auch reformiert – das gleiche wie wir Katholiken. 
Nämlich: 
Der Sohn besitzt aufgrund der ewigen Zeugung alle Eigenschaften, die der Vater besitzt, ausgenommen der Ursprungslosigkeit und der Vaterschaft. 
Somit besitzt er vom Vater auch die Hauchungskraft (vis spirativa), mit der er den Heiligen Geist mithaucht.

Halten Sie mich noch aus?
Ich brauche diese Theorie als Fundament, damit wir es dann in Fragen an uns übersetzen können…

Die orthodoxen Kirchen lehren, dass der Heilige Geist vom Vater aus allein, durch den Sohn gehaucht wird.
Wiederum für alle Christen ist der hl. Geist das persönliche, lebendige Band der Liebe zwischen Vater und dem Sohn und zwar selbstständig als die dritte Person.
Kirchentrennend zwischen Ost- und Westkirche ist also die Frage: 
geht der hl. Geist nur aus dem Vater oder auch aus dem Sohn durch die Hauchung hervor?

Warum erzähle ich es?

Auch wenn Sie das ganze nur für Bilder aus einer anderen Zeit halten – es wurde schließlich bereits im 8 Jahrhundert zu einem Thema und führte im 11. Jahrhundert zur Trennung – stellen sich vielleicht auch für Sie die gleichen Fragen: 

Wann wird eine Beziehung lebendig?
Müssen beide Seite mithauchen?
Oder reicht vielleicht doch nur Initiative von einer Seite? 
Damit sozusagen das Feuer der Liebe entzündet wird und die andere Seite sich daran wärmen kann?
Wie erleben Sie Ihre Beziehungen?
Ihre Ehe, Beziehung zu Ihrem Kind, Beziehung zu einer Freund:in?
Würden Sie sie als lebendig bezeichnen?
Könnten Sie sagen, wer Ihre Beziehung initiiert, wirklich angefangen hatte?
Wer tut mehr dafür, dass Ihre Beziehung weiterhin lebendig bleibt?

Und noch anders: es geht ja auch um meine Beziehung mit Gott – wer tut was für wen? 
Wer hält die Beziehung Gott-Mensch, Gott-ich (Peter) lebendig?
Hauche ich mit oder ist es gar nicht notwendig – denn ich bin sowieso in Gottes Hand?

Wenn wir uns die Bilder für den hl. Geist anschauen, dann sind sie alle schwer zu fangen: Atem, Wind, Sturm, Feuer, sogar mit der Taube ist es gar nicht so einfach.
Haben Sie schon versucht eine Taube zu fangen? Man muss schon ein paar Tricks kennen…
Die Bilder, die für den Heiligen Geist gefunden wurden, sind immer Bilder, die eine Verwandlung, eine Veränderung andeuten.
Zum Beispiel das Feuer. 
Es zerstört nicht nur, es erneuert auch und verwandelt so. 
Ein belebender Atem – zaubert grundlegende Veränderung herbei. 
Oder das Bild der Taube, die eine neue Botschaft bringt. 

Was ist diese Veränderung, die die verängstigten Apostel nach draussen hinausgehen und mutig auftreten lässt?
Was ist diese Veränderung, die die ungebildeten Apostel in den Sprachen der Welt sprechen lässt, wo alle das Gefühl haben – „die reden in meiner Muttersprache“?!

Die Apostel bei ihrer „Pfingstrede“ haben sicherlich nicht über die Politik gesprochen – sonst wäre dieses Einheitserleben nicht zustande gekommen!
Auch überhaupt, wenn ich sehe, wie wir alle unterschiedliche Meinungen haben, wo fast jeder die meiste Zeit das Gefühl hat, auf der richtigen Seite zu stehen… 

Geht es Ihnen auch so, dass Sie die meiste Zeit das Gefühl haben, im Recht zu sein, richtig zu liegen? Statistisch geht es nicht auf, dass alle immer richtig liegen…

Heisst Pfingsten, dass auch in der Unterschiedlichkeit (der Meinungen, der Personen) ein Einheitserleben möglich ist?

Ich grübele über das Dogma Nr. 42: Die drei göttlichen Personen sind ineinander. 

Es ist für mich so wie die ganze Lehre über die Trinität eine Einladung das linear-kausale Denken nicht zu überbewerten und noch mehr in die Wahrnehmung der Wechselwirkungen der Wirklichkeit einzutauchen (meine ganze persönliche WWW-Abkürzung).

Hilfreich ist vielleicht das poetische Bild von Francesco Varela von der Biene und der Blume: die Biene träumt die Blume und die Blume träumt die Biene – wenn man eines wegnimmt, verschwinden beide…

Ineinander-Sein, den einen gibt es nicht ohne den anderen. 
Ineinander-Sein, eine Beziehung lässt alles um sie herum lebendig werden. 

Ist Ihnen je aufgefallen, dass es heisst: Gott ist die Liebe? 
Es heisst nicht – Gott entscheidet sich zu lieben. 
Liebe ist nichts, was Gott tut, sie ist das, was Gott ist.

Heisst es, dass ich nicht nicht in Beziehung sein kann?
Ineinander-Sein, ist vielleicht die Liebe die eigentliche Kraft und das Leben?

Wenn ich davon ausgehe, dass die orthodoxe Kirche nur einen anderen Aspekt der Wirklichkeit betont, dann könnte ich als im Westen sozialisierter Christ sagen: 
Es gibt mich ohne dich nicht. 
Doch durch uns zwei entsteht eine neue Welt. 
Ich übernehme die Mitverantwortung und hauche mit.

Vielleicht ist das die große Veränderung…

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