Für etliche meiner Freunde und Bekannten ist es klar, dass mit dem Tod das Leben nicht zu Ende ist.
Wenn ich heute zu Ihnen spreche, dann möchte ich nicht zu diesem Teil von Ihnen reden, der diese Gewissheit der Auferstehung kennt.
Ich habe so einen Anteil in mir auch.
Ich möchte eher zu dieser vielleicht kleinen Ecke in Ihnen und in mir selbst reden, die wie Thomas im heutigen Evangelium ihre Zweifel hat.
Wenn man nämlich mich fragt, ob es nach dem Tod weitergeht, dann antworte ich meistens „ich weiss es nicht - ich hoffe es.“
Spätestens seit meinem Beinbruch und zur Zeit durch die Beerdigungen, wo gesunde Menschen innerhalb von ein paar Tagen an Corona sterben, bin ich mir meiner Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit sehr bewusst.
Soll ich wirklich glauben, dass es mir möglich ist, auch nach dem Tod zu leben?
Ich würde auch sehr gern, so wie Apostel Thomas, die tödlichen Wunden von jemandem berühren, der trotz des Todes lebt.
Kann man leben, auch wenn man stirbt?
Stirbt eigentlich eine Raupe, wenn sie zu einem Schmetterling wird?
Was für eine Verwandlung macht diese Raupe da eigentlich durch?
Ich weiss es nicht.
Ist es Ihnen aufgefallen, dass wir auf der geistigen Ebene etwas Ähnliches wie Raupe durchmachen?
Keiner von uns kann sich an sich selbst erinnern, als er noch ein kleines Baby war.
Ein kleines Baby, das weder gehen noch sprechen kann.
Wir können uns an diese Zeit, an uns selbst nicht erinnern.
Bewusstseinsbildung nennen wir diesen Übergang und es dauert in etwa zwei Jahre, bis ein Kind sich selbst im Spiegel erkennen kann.
Bis dahin denkt ein Kind vor dem Spiegel - …da ist ein anderes Kind…
Ist diese geistige menschliche Entwicklung mit der biologischen Verwandlung von Raupe zu Schmetterling vergleichbar?
Ich weiss es nicht.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass wir die Kontrolle darüber haben, wann wir sterben, wann wir etwas zerstören, etwas beenden - natürlich nur wenn wir so eine Entscheidung treffen möchten?
Allerdings haben wir keine Möglichkeit zu bestimmen, wann wir geboren werden - oder ob wir überhaupt geboren werden.
Ja, es gibt geplante Schwangerschaft und auch auf die Minute geplante Geburten per Kaiserschnitt, doch alles was die Beteiligten wissen können ist nur, dass da ein Mensch geboren werden könnte.
Weder ich noch sonst jemand kann bestimmen, wann ich - der konkrete Peter zu entstehen habe.
Meine Mutter - so stelle ich es mir vor - wusste, dass ein Kind unterwegs ist und dass ein Junge auf die Welt kommt, sie hatte aber keine Ahnung, dass ausgerechnet ich ihr Sohn werde.
Sie wusste nicht, wer kommt.
Warum erzähle ich das?
Geistige Prozesse und dazu gehört aus meiner Sicht auch grundlegende Verwandlung wie bei unserem Bewusstsein - geistige Prozesse leben aus einem Raum des Nicht-wissens, aus einem Geheimnis heraus.
Warum gibt es ausgerechnet mich?
Warum gibt es ausgerechnet dich?
Warum oder wofür gibt es uns überhaupt?
Bin ich nur ein sozialgenetischer Cocktail, den der Zufall zubereitet hatte?
In einer Welt, wo wir immer mehr entdecken, wie alles mit allem zusammenhängt, habe ich Schwierigkeiten mit dem Zufall, denn der schert sich um Nichts und Niemanden - Zufall ist aus meiner Sicht der Solospieler schlechthin.
Es kann vielleicht auch Welten geben, die per Zufall entstanden sind, doch unsere scheint von einer anderen Sorte zu sein.
Sie trägt eine Gerichtetheit in sich...
Aber zurück zu dem Geheimnis.
Wie entwickeln sich geistige Prozesse aus so einem nicht-wissenden Raum?
Oder anders gefragt:
Welchen Unterschied macht es, wenn ich etwas im Voraus weiss?
Hat es eher günstige oder weniger günstige Auswirkungen zu wissen, wann ich zum Beispiel sterben werde?
Sollte es nicht eher so eingerichtet sein, dass ein Kind bei seiner Geburt im Ausweis nicht nur sein Geburts- sondern auch sein Sterbedatum eingetragen bekommt?
Heute geboren - Sterbedatum in zwei Jahren…zum Beispiel.
Wie würde die Behandlung im Krankenhaus aussehen, wenn man wüsste, der eine stirbt in einer Woche, der andere erst in 20 Jahren?
Wie würde man mit ihnen umgehen?
Würde ich 10 Jahre lang Klavierunterricht nehmen und täglich Stunden lang üben, wenn ich wüsste, dass ich mit 15 bei einem Autounfall umkomme?
Würde ich mit einer Frau Familie gründen wollen, von der ich wüsste, dass sie in zwei Jahren sterben wird?
Möchte ich wirklich wissen wann jemand, den ich liebe, sterben wird?
Möchte ich wissen, wann ich sterbe?
Wie hört sich der folgende Gedanke für Sie an:
Kann es sein, dass geistige Prozesse ihre Lebendigkeit gerade aus dem „Es-nicht-wissen-können“ bekommen?
Ich verstehe mich selber als einen, unter anderem, geistigen Prozess.
Kann es sein, dass meine Lebendigkeit gerade davon genährt wird, dass ich so vieles nicht wissen kann?
Es braucht aber günstige Bedingungen, damit aus einer Raupe ein Schmetterling wird.
Aus einer Raupe wird nicht in jeder Umgebung und auch nicht zu jeder Zeit ein Schmetterling.
Es braucht definitiv günstige Bedingungen, damit diese Verwandlung gelingt.
Genauso braucht es hinreichende Bedingungen, damit ein Kind lernt zu gehen und zu sprechen und dadurch auch das Bewusstsein seiner selbst erlangt.
Es geschieht nicht automatisch - bis ein Kind zwei Jahre alt wird - dafür braucht es viel - so viel kann schief gehen.
Die Verwandlung eines sterblichen Jesus in einen zeitlosen auferstandenen Christus ist für mich ein Hinweis darauf, was in meinem Leben möglich sein könnte.
An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass wir nicht Jesuaner, sondern Christen heissen.
Wir möchten nicht nur ethische Grundsätze von einem klugen Wanderprediger Jesus übernehmen, der irgendwann vor 2000 Jahren lebte - wir streben die Verwandlung von Jesus zu Christus an.
Wenn die Geschichte mit Jesus nicht nur ein Mythos und Wunschdenken sein sollte, was wären die Bedingungen dafür, dass ich auch nach dem Tod weiterlebe?
Es wäre viel zu nennen aus dem Leben von Jesus und doch läuft es in meiner Wahrgebung auf das eine hinaus:
Jesus verschenkt sich an diese Welt, an das Leben an sich.
Er lebt nicht nach dem Motto „leben und leben lassen“, sondern bringt sich immer wieder ein - macht sich verletzbar.
Er fragt nicht, wer ist mein Nächster, sondern er selbst wird zu einem.
In allem was und wie er es tut - seine ganze Hingabe, sein Einsatz, sogar die letzten Worte nach der Auferstehung: „Ich bin mit euch bis zum Ende der Welt.“ Mt 28 - er flüchtet nicht - er stellt sich in das Leben - stellt sich sogar dem Leiden.
Ich habe den Eindruck, dass wenn ich so wie Jesus ein Ja zum Leben und ein Ja zu dieser Welt sage und zwar auf die größtmögliche und die mutigste Weise, zu der ich in der Lage bin…
- wenn ich dieses Ja in der Liebe lebe, denn nur Liebe scheint in der Lage zu sein, die Zusammengehörigkeit herzustellen, dann löse ich mich auch nach meinem Tod nicht einfach auf.
Dann scheint mir zumindest eine Möglichkeit zu bestehen, dass ich nicht von diesem Geheimnis des Lebens, zu dem ich jeden Tag aufs Neue „Ja“ sage, einfach so entkoppelt werde.
Stecker raus. Ende. Vorbei.
Ich kann mir vorstellen, dass auch die Beziehung mit meinen Verstorbenen nicht nur eine Selbsttäuschung sein muss, denn in vielen Tagen habe ich mit ihnen einen Band geschmiedet.
Es ist ausgerechnet meine zweifelnde Ecke, die herausfindet, wieviel Kraft darin steckt, dass ich es nicht mit Sicherheit weiss.
Wie durchhaltefähig es mich macht, dass ich meine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod wie eine zarte Pflanze hüte und täglich pflege.
In aller Demut und Ungewissheit.
Die Tatsache, dass ich in Christus überhaupt hoffen kann, hilft mir angesichts meines Todes lebendig zu bleiben...