Der weibliche Zugang zu dem Lebendigen im Zwischenraum.

Osterpredigt 2021 zu Mk 16,1-7.

 

Unter dem Kreuz, an dem Jesus leidet und langsam stirbt, stehen drei Frauen und Johannes. 
Wenn Jesu Leichnam ins Grab gelegt wird, sind auch drei Frauen dabei und Josef von Arimathea. 
Später kommt noch Nikodemus hinzu. 
Ich finde es spannend, dass wir am Ostermorgen wieder mit drei Frauen zu tun haben. 
Sie sind unterwegs zum Grab, in dem sie einem jungen Mann begegnen werden.
Was hat es auf sich?
Die Überzahl der Frauen ausgerechnet in diesen Schlüsselszenen?

Ich habe keine Erklärung dafür, doch auffallend ist das schon. 
Ist das Weibliche gefragt?
Wird hier das Weibliche in mir angesprochen? 
Der Teil in mir, der bereit ist zu empfangen anstatt zu erobern? 
Jedes mal heisst es übrigens auch drei mal: sie sehen, sie sahen, sie schauen.
Was hat es mit diesem 3-fach benutztem Verb des Sehens zu tun? 
Werde ich von meiner oft zu vorschnellen Sinn-gebung eher zu Sinn-suche, Sinn-aufnahme, Sinn-schau fein übergeleitet?
Also nicht diese dominierende bedeutungsgebende Art - ja, eine männliche Art die Welt durchzudringen, die so viele - sowohl Frauen als auch Männer - gelernt haben?

Ich weiss es nicht.
Dieser aus meiner Sicht weiblicher Zugang scheint aber auch am Ostermorgen diese drei Frauen zu befähigen, sich auf den Weg zu machen, auch wenn sie keine Ahnung haben, wie sie in das Grab hineinkommen, denn sie fragen einander: 
„Wer könnte uns den Stein vom Eingang wegwälzen?“
Sie machen sich auf den Weg, obwohl sie noch keine Lösung haben.

Wenn Sie sich an Maria - Jesu Mutter - erinnern, die bei uns in der Kirche für das Weibliche schlechthin steht - wie reagiert sie auf die Ankündigung des Engels, dass sie ein Kind empfangen wird?
Sie hat auch keine Lösung („wie soll es geschehen?“), doch sie macht sich mit ihrer Antwort auf den Weg - „Fiat - es geschehe nach deinem Wort…“
Bei diesen drei Frauen das Gleiche…sie machen sich auch auf den Weg. 
 
Wie verstehen Sie es?
Ich frage mich: wie oft mache ich mich gar nicht auf den Weg, weil ich keine Lösung sehe? 
Ich habe auch in meinem Leben Grabsteine, die mich daran hindern aufzubrechen, mich zu bewegen. 
Doch ich sage mir dann, wozu sollte ich in die Richtung gehen, wenn da der Stein den Weg versperrt? 
Kennen Sie es auch? 
Situationen, Begegnung mit Menschen, wo Sie sich blockiert fühlen? 
Sie wissen, dass Sie etwas unternehmen sollten und doch versperrt ein grosser Stein den Weg?
Manchmal ist es auch die Angst um die Zukunft, die uns wie ein Felsblock bedrückt. 
Oder ein Streit mit Nachbarn oder Arbeitskollegen, der Stein kann eigene Ehe oder eine erstarrte Sehnsucht in uns sein. 
Wir können uns nicht bewegen und fragen uns immer wieder: „Wer könnte uns den Stein vom Eingang wegwälzen?“ 
Zu oft lassen wir uns in die Zuschauerrolle des eigenen Lebens fallen, wir sind nur Zuschauer und versäumen das Leben. 
Es entsteht dann das Gefühl, keine gute Lebenskarte gezogen zu haben, denn der Stein ist einfach zu gross. 
Die Frauen machen sich dennoch auf den Weg. 
Sie sind entschlossen ins Grab zu steigen, um das liebevoll zu salben, noch einmal das berühren zu dürfen, was sie lieben und was da jetzt tot begraben liegt - zumindest glauben sie es.
Die Liebe führt sie wie ein Duft. 
Mit wohlriechenden Salben sind sie unterwegs. 

Ich ahne, dass die Auferstehung mit dem Mut zu tun hat, aufzustehen ins Leben hinein, den Aufstand zu wagen gegen alles, was mich lähmt und am Leben hindert. 
Und dann kommt die grosse Überraschung: Auferstehung ist die Erfahrung, dass der Stein bereits weggewälzt ist. 
Der Stein ist bereits weg! 
Meine Aufgabe besteht offensichtlich nicht darin, den Stein zu beseitigen - sondern mich auf den Weg zu machen und es zu wagen in das Grab hineinzugehen. 

Das Grab galt für die Menschen in der Antike als Ort der Dämonen. 
Und jetzt wird das Grab von einem jungen Mann erleuchtet, der mit einem weißen Gewand dort sitzt und sagt: „erschreckt euch nicht“. 
Als möchte die österliche Botschaft andeuten, dass wir keine Angst zu haben brauchen vor dem inneren Grab. 
Genauso wie die Frauen können auch wir hineinsteigen in all das Chaotische und Erstarrte, in alles Verdrängte und Unterdrückte in unserer Seele.

Die deutsche Übersetzung lautet, dass die Frauen sehr erschrecken. 
Auf griechisch ist da das Wort Ekstasis. 
Ekstase - erschütternde innere Erfahrung - das erleben sie im Grab.
Ekstase - da mischen sich Staunen, mit Verwunderung, ja auch Angst und Erregung. 
Ich kann nur von meinen Erfahrungen reden und eins kann bestätigen - in solchen Momenten fühle ich mich immer lebendig, gegenwärtig, es geht um mich. 
Ich fühle mich gesehen, wahrgenommen. 
Und deswegen kann ich sehr gut nachvollziehen, dass da im Grab, in der Tiefe erleben sich die Frauen persönlich angeredet. 
Sie sind gemeint. 
Sie werden gesehen. 

Und daraus entwickelt sich dann die frohe Botschaft - Der Gestorbene lebt!
Der gekreuzigte, der fertiggemachte Mensch lebt! 
Wenn ich Jesu Erfahrung der Auferstehung auf mich übertrage, dann kann es für mich heissen: das Fertiggemachte in mir, das Tote in mir, das Abgestorbene - das lebt. 
Ein Zugang dazu ist möglich. 
Oder noch anders: es gibt in mir etwas, was ewig lebt, was nicht kaputt gehen kann. 

Ich kann diesen Teil von mir zwar noch nicht sehen, doch es wird mir gesagt, wo die Begegnung mit dem Lebendigen, mit dem Heiland, mit Messias stattfinden kann: in Galiläa.
Galiläa ist ein Land dazwischen. 
Ein Mischland, wo es nicht klare Grenzen zwischen den „Heiden“ und den „Juden“ gibt.
Gibt es nicht auch in mir, in uns allen so ein Galiläa?
Einen Raum, wo sich die Grenzen zwischen Mein und Fremd, zwischen „Heidnisches“ und „Frommes“ vermischen?
Ist sie nicht unglaublich, diese Botschaft?
Wie oft wünsche ich mir klare Grenzen, klare Positionierung, Sicherheit der Überzeugung, dabei ist der Lebendige nur in Galiläa anzutreffen. 
In einem Land dazwischen. 
Spannend.

Der Raum in mir zwischen meiner Dunkelheit und meinem Licht - der könnte auch Galiläa heissen. 
Der Raum zwischen meinen Niederlagen (wo ich mich abwerte und bemitleide) und Erfolgen (wo ich mich selbst bewundere) - der könnte auch Galiläa heissen. 
Der Raum zwischen meinen Zweifeln und Überzeugung - der könnte auch Galiläa heissen.
Der Raum zwischen meinem Aufgeben von etwas/jemand und meinen Aufbrüchen/Neuanfängen.
Kennst du diesen Raum in dir?
Denn die Osterbotschaft könnte heissen: gerade dort - in deinem Galiläa kannst du dem Lebenden, dem Ewigen in dir, Gott, begegnen.  

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