
Die Bedeutung eines Wortes gehört nicht ihm selbst,
sondern dem Satz, in den das Wort eingebettet ist.
Ich stelle mir jeden Menschen wie ein Wort vor.
Bei all der individuellen Freiheit, die zum Beispiel das Wort „Ball“ genießt,
hat es keine Macht über den eigenen Sinn:
Die Jungs auf der Wiese messen ihm einen anderen Inhalt bei
als die tanzfreudige Oberklasse.
Noch größer gedacht ist auch kein Satz eine Insel
– seine Bedeutung hängt von dem Absatz oder von dem Umstand ab, in dem er vorkommt.
Es macht einen Unterschied, ob „ich bleibe am Ball!“ ein Freund in der Fußballmannschaft sagt
oder ein Gegner vor dem Gericht.
Ermutigung oder Drohung…
So verschieden werde auch ich gesehen: von meiner Mutter anders
als von einem datensammelnden Internetkonzern.
Der Kontext ist identitätsstiftend.
Wem gehört die Deutung meiner selbst?
Wo und wie entsteht die Bedeutung meines Lebens?
Unter welchen Bedingungen macht es einen Sinn über den Sinn meines Lebens nachzudenken?
Ich habe nicht alle Kontexte, in denen ich betrachtet werde, unter Kontrolle – doch einige schon.
Fast zwangsläufig muss ich die Standards eines Lebens im Europa des 21. Jahrhunderts übernehmen – und doch nur fast und sicherlich nicht alle.
Immer klarer durchschaue ich die Falle eines Solospielers – eines Individualisten:
Alleine kann ich zwar existieren, doch kaum einen tragfähigen Sinn finden.
Die Schlussfolgerung, dass es auf die richtige Gemeinschaft, auf den richtigen Kontext ankommt – für die/den ich mich entscheide – die Schlussfolgerung greift mir zu kurz.
Es wird mich nämlich immer auch in Kontexten geben, mit denen ich nicht einverstanden bin, wie z.B.:
– der Abfall, den ich mitproduziere, ob ich will oder nicht
– die Sprache, die ich nutze, obgleich sie noch immer diskriminierend-patriarchalisch und den Reichtum glorifizierend geprägt ist
– die Gewalt, an der ich mich durch unser Wertungssystem ständig beteilige.
Ich spüre die Versuchung das Eine schlecht und das Andere schön zu reden. Die Entscheidung für eine Seite (so möchte ich leben…, in diesem Kontext…) spendet sicherlich eine Erleichterung.
Doch nur eine Zeit lang.
Denn was heute als gesund und fortschrittlich gefeiert wird, kann bereits morgen als schädlich und rückständig verworfen werden…und ich mitten drin, denn aus dem Denken meiner Epoche
kann ich weder gänzlich aussteigen noch es völlig überholen.
Es ist wie eine Revolution der äußeren Verhältnisse, bei der die innere Verwandlung auf der Strecke geblieben ist.
Weiterhin bin ich in all dem nur ein Wort, das über die eigene Bedeutung wenig Kontrolle hat.
Worauf habe ich also wirklich Einfluss?
Wo kommt es auf meine Eigeninitiative an?
Meine Motivation.
Kann auch meine Inbrunst heissen.
Oder als meine inneren Bilder gedacht.
Auf jeden Fall scheint mir dies die Ebene zu sein, wo ich entscheiden kann.
Wenn ich mich weiterhin wie ein Wort denke, dann kann ich mir alleine zwar nicht meinen Sinn aussuchen, doch ich kann entscheiden, ob ich mich zur Verfügung stelle.
Sei es als ein Störer oder als ein Unterstützer.
Ich gewinne den Eindruck, dass wenn ich mich zur Verfügung stelle, dem Ganzen auf meine Art und Weise dienen zu wollen, wenn ich mich nicht zurückziehe und resigniere, dass sich dann
das Wesentliche von meinem Sinn in der Kommunikation der Weltgeschichte zeigen kann.
So eine Entscheidung kann ich nur aus dem Staunen heraus darüber treffen, dass es überhaupt etwas gibt und nicht Nichts.
Dass es das Leben an sich gibt.
Leben verstehe ich als das Synonym für das Ganze, das mich hervorgebracht hat.
Sicherlich ist es nicht der Weisheit letzter Schluss, doch für mich zeigt sich, dass der Sinn meines Lebens weniger in meiner Hand liegt, als ich es vielleicht möchte.
Gleichzeitig macht es Sinn über den Sinn vor allem im Raum des Staunens nachzudenken.
Ich versuche es wie folgt zu formulieren:
Wenn ich mich entscheide nicht zu schweigen, sondern bewusst mitzumachen,
erhöhe ich dann die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben durch mich spricht?
Ich will es wagen.
Ich möchte mich dem Leben jeden Tag aufs Neue so wie ein Wort zur Verfügung stellen.
