Leben in Gleichzeitigkeit. (Weihnachten 2020)

Ich freue mich, dass es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. 
Ist es nicht ein wunderschöner Spruch?
Ich freue mich, dass es regnet. 
Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es sowieso.
Wenn etwas anders läuft als gewünscht, warum sollte ich mich selbst noch zusätzlich quälen?
Doch wenn wir ehrlich sind, ist es leichter gesagt als getan. Viel leichter.Denn Regen anstatt Schnee an Weihnachten, ist dieses Jahr unser kleinstes Problem. 
Die Familien können nicht zusammen sein. Menschen sind krank. Menschen leiden und sterben.
Darf man sich überhaupt freuen? 
Menschen haben Angst. Die einen um ihre Gesundheit, die anderen um ihre Freiheit oder wirtschaftliche Existenz.
Kann man dies schönreden, oder ausblenden? 

Es fällt mir die Parallele zur Zeit der Jesu Geburt auf: 
Volkszählung unter Kaiser Augustus damals vor 2000 Jahren.
Müssen dieses Jahr nicht auch wir uns ständig in die Listen eintragen?
Haben sich Maria und Josef trotz aller Umstände, dort zwischen den Tieren im Stall, da es keinen Platz in der Herberge für sie gab, haben die sich freuen können?

Dürfen sich heutzutage junge Eltern über die Geburt ihres Kindes freuen, auch wenn andere gerade sehr leiden?
Dürfen wiederum andere um jemanden trauern, wenn nebenan gerade ein Kind geboren wurde?
Wie entscheiden wir, ob wir uns heute eher zum Beispiel über ein freundliches Wort unseres Nachbarn freuen wollen oder eher die Naturzerstörung beweinen werden?
Woran machen wir es fest, so eine Entscheidung?

Es scheint im Leben in Gleichzeitigkeit beides zu finden zu sein – Gründe für die Trauer als auch für die Feier. In Gleichzeitigkeit!

Ich freue mich, dass es Weihnachten ist. 
Denn wenn ich mich nicht freue, ist es trotzdem Weihnachten? 
Anders als bei dem Regen:
wenn ich nicht feiere, mich nicht freue; gibt es dann überhaupt Weihnachten?
Was ist eigentlich Weihnachten?

„Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch der Retter geboren: er ist der Christus! – also der Gesalbte – der Friedensbringer. und deswegen Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen…“

Friede auf Erden – heute – jetzt – unabhängig von den äusseren Verhältnissen. 
Heisst es, dass Weihnachten auch in Zeiten der Kriege, der Pandemie – sozusagen auch im Stallgestank möglich ist?
Was stinkt mir, was stinkt in mir?
Was kann ich nicht umarmen, nicht verdauen, nicht verzeihen?
Fühle ich mich vielleicht nicht empfangen, so wie Josef und Maria in der Herberge? 
Fühlt sich meine Quarantäne als Covid-positiv wie eine Verbannung an?
Wo erlebe ich mich erstarrt, regungslos? 
In meiner Angst vor der Ansteckung?
Wo bin ich wiederum bereit wie ein Hirte mich auf den Weg zu machen, um die Gefühle der Anderen zu teilen, mitzutragen? 
Sei es die Freude über die Geburt oder die Trauer über den Tod?

Ist es nicht unglaublich, dass der grosse Friedensbringer, der Christus wie ein kleines Kind auf die Welt kommt, ein Kind, das auf die Umarmung angewiesen ist?
Kann es sein, dass es nur dort Frieden geben kann, wo wir bereit sind alles zu umarmen? 
Umarmung ist nie passiv, nie eine Resignation. 
Umarmung ist immer eine Bewegung aufeinander zu. 
Umarmung ist ein wunderschöner Ausdruck der Entscheidung nicht gegen, sondern für…
Es gibt aber so viele Umarmungen, die Grenzüberschreitend sind und so viele, die nicht dort geschenkt werden, wo sie gebraucht wären.
Wie würde eine den Frieden stiftende Umarmung aussehen?

Eine friedenstiftende Umarmung scheint immer eine gemeinsame Absprache zu sein! 
Absprache der Blicke, Absprache der Nähe und Distanz und das Wesentliche geschieht dabei unbemerkt. 

Und wir dürfen und können uns dieses Jahr nicht umarmen! 

Doch wir können und das ist für mich das Lernstück dieses Jahres schlechthin – wir können uns absprechen und abstimmen. 
Wir können lernen so unsere Blicke, unsere Sprache miteinander abzustimmen, dass mein Gegenüber sich erkannt und umarmt fühlt.
Wie kann ich sprachlich mein Handeln, mein Zwinkern so ankündigen, dass du – mein Mitmensch – dich nicht angegriffen fühlst, sondern eingeladen gemeinsam etwas Unmögliches zu versuchen?

Sei es auch nur für einen Augenblick? 

Wie können wir Bewusstheit für uns Selbst und für den Anderen so entwickeln, dass wir nicht nur einfach etwas tun, sondern dass darin so richtig Nähe und Begegnung möglich werden?

Religionen kennen dafür Rituale – als Prozesse, wo mehrere Menschen gleichzeitig einen gemeinsamen Raum erzeugen und betreten. 
Doch so oft geschieht es ohne Bewusstheit. 
Wir machen es einfach. 
Wir gehen an Weihnachten halt in die Kirche. 
Dieses Jahr unterbricht es. 
Es unterbricht fast alle unseren Gewohnheiten. 
Es geht nicht mehr nur einfach so. 
Es ist uns nicht mehr möglich einfach nur so vor uns hin zu leben. 
Ohne eine neue Art der Bewusstheit dafür zu entwickeln – wie schaue ich, wie rede ich, wie handle ich? 
Welche Auswirkungen erzeuge ich in der Welt?

Und deswegen:
Ich will mich in diesem Jahr mit den Fröhlichen freuen und ich will mit den Weinenden weinen; denn wenn ich es nicht täte, gäbe es wahrscheinlich kein Weihnachten.
Doch ich will es nicht nur einfach tun, ich will lernen so zu sein, dass sowohl die Fröhlichen als auch die Weinenden sich in meinem Herzen beherbergt fühlen. 
Ich möchte viel mehr fragen, was mein Gegenüber gebrauchen könnte. Ich möchte lernen mich so mitteilen zu können, dass auch wenn wir uns nicht umarmen können, dass wir uns dennoch einander spüren. Dass ich auch mich selbst spüre. 

Würden Sie sich auf ein Experiment einlassen? 
Dass wir versuchen uns jetzt virtuell alle für einen Moment so zu umarmen, dass es sich wie eine echte Umarmung anfühlt, dass der Friede sich in unseren Herzen ereignen kann?
Welchen Blick will ich dabei haben? 
Welche Mimik? Was mache ich mit den Armen? 
Damit es sich nicht gekünstelt, sondern herzlich anfühlt?
Ich kann mir vorstellen, dass das etwas damit zu tun haben könnte, was wir an Weihnachten feiern – Emanuel – Gott unter uns.

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