Weihnachten als Unterscheiden zwischen der Person und ihren Handlungen.

 

Ist es Ihnen je aufgefallen, dass wenn Sie „lass mich in Ruhe“ sagen, dass Sie gerade dann überhaupt keine Ruhe in sich haben?  Oder wenn Sie „lass mich in Frieden!“ von sich geben, dass Sie da gar nicht in Frieden sind?  Wenn Sie Bedürfnis verspüren, so etwas zu sagen, dann sind Sie gerade gestresst, brauchen Abgrenzung, können etwas nicht mehr ertragen. In solchen Momenten verwechseln wir unsere Vorstellung mit dem, was ist. 

Ist es mit Advent nicht ähnlich? Wir wollen Ruhe, wir wollen Nähe und Liebe, stattdessen gibt es reichlich Stress. Vielleicht ist es so auch mit unserer Vorstellung von Gott: wir reden von einem mächtigen, allwissenden Herrscher – stattdessen an Weihnachten ein wehrloses Kind – angewiesen auf unsere Fürsorge und Hilfe. Kein Blitz, kein Donner, weder Macht noch Gewalt, nur ein wehrloses Kind.

Könnte es sein, dass Advent und Weihnachten uns helfen sollen zu unterscheiden? Unterscheiden zwischen unseren Vorstellungen und dem was ist? Womöglich feiern wir an Weihnachten nicht unsere Vorstellung vom Leben, wie es mit Erfolg und Macht sein sollte, sondern wir feiern das schwache, das wehrlose, das verletzliche in uns, in dieser Welt und in Gott.  Als möchte all das umarmt werden, so richtig beschützend liebkost werden – denn vielleicht nur dadurch geht es weiter zur Liebe und zum Frieden.

Noch anders gedacht: wenn ich mich, meine Mitmenschen, die Welt nicht mit meinen Vorstellungen verwechsle, sondern anstatt meiner Monologe und auch gutgemeinter Dialoge mich um einen sogenannten Metalog bemühe, um einen inneren Abstand, in dem ich alles und alle als Teil von einem Ganzen sehe, dann bin ich selbst dieses Kind in der Krippe. 

Dann strecke ich meine Hände allen entgegen und umarme die Welt.  Dann sind es meine Engel in der Höhe, die freudig singen.  Dann zeigt sich das grosse Geheimnis, das wir Gott nennen, auch in mir und durch mich.  In meiner Begrenztheit, in meiner Endlichkeit. Dann erscheint der grosse Gott auf der kleinen Bühne meines Lebens.  Gott, der sich in der materiellen Welt enthüllt, sich entdecken lässt.  Es gibt demnach keine unüberwindbare Grenze zwischen Gott und Schöpfung und ich erfahre es auf eine sehr schlichte, ja demütige Art. 

… Musik…

Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Maria steht für einen Menschen, der bereit ist Gott zu empfangen.  So wie sie mit Jesus schwanger war, so umfasst sie Gott.  Sie trägt das grosse Geheimnis in sich.  Grosse Geheimnisse kann man nicht in Worte fassen, man kann sie nur umkreisen, sie aufbewahren, sie tragen und aus ihnen leben.

Sind unsere Urteile und Worte nicht zu deutlich?  Wissen wir nicht alles zu schnell?  Was wird und was war und dann ist nichts mehr wunderbar, kein Kind kann so, heilig werden. Dankbar zitiere ich Rainer Maria Rilke: 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Wird heute nicht so viel bewertet und beurteilt, dass man sich richtig wehren muss, der Verlockung nicht nachzugeben, sich falsch, krank oder dumm zu fühlen? 

Oder die Anderen für so zu halten?

Ich möchte unterscheiden zwischen der Person und ihren Handlungen. Ich möchte mein Gegenüber nicht mit meinen Urteilen über ihn/sie verwechseln.

Genauso wenig will ich mich selbst abwerten, wenn ich mal wieder alles eins zu eins nehme, als wäre meine Sicht Mass aller Dinge. 

Schmunzeln Sie manchmal auch, wenn Sie merken, was für Gestalten in der Bibel die massgebliche Rolle übernehmen? Noah mit seiner Trinkerei. Abraham in seinem hohen Alter. Isaak als Tagträumer. Jakob als Lügner. Lea soll nicht schön gewesen sein. Mose war ein Mörder, der stottert. Gideon ängstlich. Rahab eine Prostituirte. David ein Ehebrecher. Elia selbstmordgefährdet. Jona ist davongelaufen. Petrus mit seinen Wutausbrüchen und hat sogar Jesus verleugnet. Matthäus ein Dieb. Thomas ein Skeptiker und Nathanael ein Zyniker. Martha machte sich um alles Sorgen und Zachäus zu klein. Lazarus ist sogar schon mal gestorben.

Wenn ich aus dem richtig und falsch aussteige und darauf vertraue, dass in allem und in allen etwas Grosses, etwas Göttliches zu entdecken ist, etwas was meinen Horizont völlig übersteigt – da kann ich nur vertrauen. Egal wer was erzählt – ich entscheide mich zu glauben, dass dieses Leben ein grosses Geheimnis innehat und ich, du, alles und alle sind Teil davon. 

…Musik…

Die Botschaft der Weihnacht verbindet Geist und Materie, Wort und Fleisch. Beim Anblick des Kindes fühlt jeder Mensch, wie sich in ihm Verstand mit Herz verbindet. 

Dieses Kind bin ich.  
Dieses Kind bist auch du.  
Unabhängig von unseren Worten und von unseren Taten. 

Als würde Weihnachten sagen wollen, dass alle sowohl liebesbedürftig auch als liebesfähig sind.  Wagen wir es eine Entscheidung zu treffen, dass wir nicht lieben, weil ich oder mein Gegenüber gut und liebenswert sind, sondern weil die Liebe dem Leben dient? Könnte dies die Verbindung sein zwischen den subjektiven Vorstellungen von Ruhe, Frieden und dem, was wirklich ist?  Entscheidung für die Liebe treffen, die alle als ein Teil von dem Ganzen sieht, als einen Organismus?  Die Christen reden vom Leib Christi, von Gott in der Welt.  

So wird nämlich jeder Mensch zu Mitschöpfer der Welt.  Und dieses Bewusstsein lässt uns wie Pinocchio von hölzernen Puppen zu echten Menschen werden. Von den Menschen, die verletzt wurden und deswegen automatisch auch Andere verletzen, zu den Menschen, die geheilt werden und deswegen auch Andere heilen. 

Weihnachten als die Entscheidung für die Liebe.  Also das könnte noch so richtig festlich werden! 

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