Was darf durch mich in diese Welt hineingeboren werden?

„Ich habe wirklich gelebt.“ - sagte sie zu mir.
„Bin heute über neunzig Jahre alt und all die Zeit habe ich wirklich gelebt.“ 
Sie erzählt mir von ihren Erfahrungen, von ihrem Beruf, von ihren Kindern, auf die sie so stolz ist. 
Sie erzählt von den schweren Kriegsjahren, von den Stunden der Verzweiflung, als ihr Mann fiel. 
„Das alles ist mein Leben. Durch die Not bin ich in Dankbarkeit gereift und dennoch frage ich mich: war´s das? Ist das alles?“

Möchten wir nicht alle wirklich leben?

Dieser Wunsch ist ganz stark in uns. Doch es bleibt die Sorge, dass wir das Leben verpassen könnten. Es gibt den Verdacht, dass alles Täuschung sei: Leben am Leben vorbei. Leben aus zweiter Hand. Die Werbung verspricht uns, wir könnten das Glück kaufen, die Fülle des Lebens, doch so dumm sind wir auch wieder nicht ☺

Die Zahl derer wächst, die ausbrechen möchten. Alternative Lebensformen werden gesucht, um dem ursprünglichen Leben auf die Spur zu kommen. Was heißt eigentlich leben?

Ein alter Mönch unterhielt sich mit einigen jungen Leuten, darunter auch mit dem jungen Mann Robert. Der Mönch wollte von Robert wissen: „Welches sind Ihre Zukunftspläne?“
„Ich möchte schnellstens mit dem Jurastudium beginnen“, antwortet der Abiturient. „Und dann?“ fragte der Mönch.
„Nun dann möchte ich eine Rechtsanwaltspraxis eröffnen, später möchte ich heiraten und eine Familie gründen.“ 
„Und dann, Robert?“
„Um ehrlich zu sein“, antwortete der junge Mann, „ich möchte recht viel Geld verdienen, mich möglichst früh zur Ruhe setzen und viele fremde Länder besuchen. Das habe ich mir früher immer gewünscht.“
„Und dann?“ fragte der Mönch in fast unhöflicher  Beharrlichkeit. 
„Mehr Pläne habe ich im Augenblick nicht“, entgegnete Robert. 
Der Mönch sah ihn an und sagte: „Ihre Pläne sind viel zu klein. Sie reichen ja höchstens für 75 oder 80 Jahre! Ihre Pläne müssen groß genug sein, um auch Gott einzuschließen, und weit genug, um auch die Ewigkeit zu umfassen.“

Ist der Mensch nur eine Eintagsfliege, deren Stunden gezählt sind?
Gibt es in mir nicht eine unendliche Sehnsucht?

Advent und Weihnachten erlebe ich als eine Einladung über den Tellerrand meiner kleinlichen Wünsche zu schauen, den Horizont meiner alltäglichen Sorgen zu durchbrechen. Ich ahne, dass etwas Grösseres in mir schlummert, das ich nie in 70 oder 80 Jahren befriedigen könnte. Ich möchte meine Pläne grösser denken, weit genug, um auch die Ewigkeit zu umfassen.

Maße ich mir zu viel an? Meldet sich in mir nur eine Angst vor Bedeutungslosigkeit, vor dem Tod?

Ich will diese Sehnsucht in mir anders deuten. Als ein Zeichen der Verbundenheit mit allem vor mir und allem nach mir. Ich erlebe mich als Teil eines grossartigen Projektes namens Leben. Vielleicht einzigartig in dem weiten und breiten Universum. 

Dadurch fühle ich mich ganz gross und wichtig ohne eingebildet zu sein. So wie ich mir am Aschermittwoch sagen lasse: du bist nur Staub - so richtet mich die Osternacht mit ihrem Auferstanden von den Toten wieder auf. 

Advent flüstert unauffällig, dass auch in mir Göttliches Gestalt annehmen möchte und weihnachtlich lautes Gloria freut sich, wenn ich in mir, in meinem Nächsten, in der Natur und in allem was es gibt Gott entdecken kann…

Ich bin überzeugt, dass die wichtigste Aufgabe einer Religion darin besteht, die Paradoxien des Lebens zusammen zu halten. Im Advent bahnt sich etwas  Unsichtbares an, wird klein und wehrlos geboren und darf mit  Unterstützung der Menschen ganz groß werden.

Advent stellt mir die Frage: Für welche Welt bist du unterwegs? Welche Auswirkungen erhoffst du dir durch deine Gedanken, Worte und Handlungen? Was darf durch dich in diese Welt hineingeboren werden?

Manchmal erleben ich mich bedeutungslos - als würde es auf mich gar nicht ankommen, als könnte ich nichts bewirken. 

Doch es gibt auch Tage, wo durch mich eine Kraft durchströmt, die begeistert, die beseelt, die groß denkt und ewig liebt. 

War´s das? Ist das alles?

Ja und gleichzeitig noch lange nicht!

Beides in mir - meine Armseligkeit und meine Herrlichkeit - beide möchten in mir wie ein herrliches Kind in einem armen Futtertrog diese Welt umarmen. Von dem Urknall bis in die Ewigkeit.  

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