Ich kenne die Hintergründe zu wenig, um eine fundierte Stellung beziehen zu können und dennoch verspüre ich Scham und Wut bei den Nachrichten über das Erzbistum Köln und über seinen Umgang mit der Aufarbeitung von Missbrauch. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat als erster deutscher Bischof eingestanden, persönliche Schuld für den Einsatz eines Missbrauchspriesters in seinem Bistum zu tragen. Der gute Ruf der Kirche sei wichtiger gewesen als die Auseinandersetzung mit dem Leid der Opfer.
Scham und Wut ziehen mir in diesen Tagen so richtig die Energie ab.
Dann kommt auch noch so ein Evangelium hinzu: es wird über Herrlichkeit, über Gericht, Scheidung der Menschen in Böcke und Schafe, über ewiges Feuer gesprochen. Alles Begriffe, die in mir ein mulmiges Gefühl auslösen. Am liebsten würde ich heute gar nicht predigen.
Doch dann lese ich die Bibelkommentare und erfahre, dass die Inthronisierung des Menschensohnes eigenlicht ein Hoffnungsbild aus dem Buch Daniel ist. Menschensohn ist dort als eine Lichtgestalt beschrieben, die die bestialischen Herrschaften, unter denen Juden jahrhundertelang zu leiden hatten, endlich ablöst und zwar durch eine wahrhaft menschliche Herrschaft. Mit dem Kommen des Menschensohnes bricht das Reich Gottes an – ein Reich der Barmherzigkeit.
Bei weiterer Recherche finde ich, dass diese Scheidung in Schafe und Böcke etwas Positives darstellt: denn es geht um schlechte Hirten, die ihre Schafe vernachlässigen und zwar im Buch Ezechiel: „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“
Menschensohn erkennt wer die Täter und wer die Opfer. Menschensohn verschafft das Recht den Schafen, denen es ihre Hirten immer wieder verweigern. Also auch eine gute Botschaft!
Ich merke, ich schliesse etwas Frieden mit diesen Metaphern.
Es stört mich noch das ewige Feuer. Aus den Bildern von Hölle und Himmel für Lebenszustände wurden schreckliche Drohungen und verlockende Köder für das Jenseits. Das wirkte sich auf viele Generationen von Christen aus. Oft wurde es ihnen gar nicht bewusst, dass sie damit dem liebenden Gott zutrauten, zum ewigen Folterknecht zu werden. Das war absurd, denn dann wäre Gottes Liebe viel geringer als die unsere.
Papst Johannes Paul II. sprach darüber, nicht aus Himmel und Hölle physische Orte zu machen, statt die Bilder als Zustandsbeschreibungen unseres Denkens und Fühlens und als Aufrufe zur Entscheidung in dieser Welt zu verstehen.
Wir verschoben die ganze Angelegenheit in die Zukunft, nahmen sie also aus dem Hier und Heute heraus. Aus der Kirche wurde zu oft ein Unternehmen zur Rettung der Seelen für die nächste Welt, statt ein Dienst, Körper, Seele und Gesellschaft zu heilen, und zwar hier und jetzt und deshalb für alle Ewigkeit.
Jesus führte alle seine Heilungen, Berührungen und Erlösungen eindeutig im Hier und Jetzt aus. Er sagte nie: „Sei jetzt ein guter Mensch, dann werde ich dich später belohnen.“ Sie werden im ganzen Neuen Testament nicht finden, dass Jesus jemals für eine seiner Heilungen eine Vorbedingung aufgestellt hätte. Das Heilen – Heil – im Jetzt ist für ihn offensichtlich ein Ziel in sich und hat nichts damit zu tun, dass man es sich verdienen muss.
Für Jesus stecken alle Belohnungen bereits in der Tat selbst, und auch alle Bestrafungen stecken schon in der Tat selbst. Aber wir haben weithin alle Belohnungen und Strafen in die Zukunft verlegt.
Es ist geradezu auffällig, dass weder die Schafe noch die Böcke auf die Idee kommen, ihr Tun habe irgendetwas mit Gott zu tun, mit der Ewigkeit. Die Barmherzigkeit der Schafe ist uneigennützig und nicht einmal religiös begründet. Sie tun Gutes ohne jeden Hintergedanken!
Es ist für mich der wesentliche Punkt an der ganzen Sache: was tue ich an Gutem so richtig uneigennützig in meinem Leben? Ohne jeglichen Hintergedanken?
Ich erinnere mich noch sehr gut an das Evangelium vor einer Woche: Der Diener mit 5 anvertrauten Talenten erwirtschaftet weitere 5, der Diener mit den 2 anvertrauten Talenten verdoppelt sie auch – beide werden dafür gelobt. Doch der dritte Diener mit einem Talent, der auf Nummer sicher ging, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Der landet dann als fauler Diener im Feuer.
Wer überängstlich nur um sein eigenes Bestehen besorgt ist und gar nicht merkt, dass er damit die Gabe seines Herrn brachliegen lässt, ja sogar glaubt, im Recht zu sein, der hat versagt wie der dritte Diener.
Jesus erklärt, dass es nicht um „Besitzstandswahrung“, sondern um den persönlichen Einsatz geht. Aber eben hier liegt auch eine wirklich tragische Wahrheit: Wer das, was er hat, ängstlich schützen will, entweder aus lauter Angst, was falsch zu machen, oder auch aus Angst, nicht mehr genügend für sich selbst zu behalten, der wird es verlieren.
Egal ob wir über Talente, oder Barmherzigkeit gegenüber denen, die weniger haben als wir, oder über den guten Ruf eigener Kirche reden.
Wer sich sowohl in der Biologie nur ein wenig auskennt, der weiß: Stillstand bedeutet schon ganz bald Degeneration – Rückgang. Der Sportler zum Beispiel, der aufhört zu trainieren, wird eben gerade nicht sein Niveau erhalten können, die Muskeln werden von selbst ganz schnell abbauen. Er muss kontinuierlich und ständig weiter trainieren.
Und das gilt genauso für die Gestaltung sowohl unseres persönlichen Lebens, als auch der Gemeinde und Welt insgesamt: Es gilt auch für die Kirche – gerade auch im Hinblick auf den Missbrauch: Wer nur den Status quo erhalten will, einen guten Ruf, der wird ganz schnell Degeneration erleben. Und da muss gar nicht erst jemand kommen, der uns aktiv schaden will, das geschieht einfach – konsequenter Weise!
Wo drehe ich mich, wo dreht sich meine Kirchengemeinde nur um sich selbst?
Wer ist dieser Menschensohn? Kann es sein, dass ich gemeint bin?
Wie ist es um meine Barmherzigkeit, um mein Engagement, meine Uneigennützigkeit bestellt?
Meister Eckhart gab bereits im 13. Jahrhundert folgendes Kriterium der Selbstprüfung an: „Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen.“
Evangelium Mt 25, 31–46
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt
und alle Engel mit ihm,
dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden
und er wird sie voneinander scheiden,
wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen,
die Böcke aber zur Linken.
34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen:
Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid,
empfangt das Reich als Erbe,
das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist!
35 Denn ich war hungrig
und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig
und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war fremd
und ihr habt mich aufgenommen;
36 ich war nackt
und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank
und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis
und ihr seid zu mir gekommen.
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen
und dir zu essen gegeben
oder durstig
und dir zu trinken gegeben?
38 Und wann haben wir dich fremd gesehen
und aufgenommen
oder nackt
und dir Kleidung gegeben?
39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen
und sind zu dir gekommen?
40 Darauf wird der König ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen:
Geht weg von mir, ihr Verfluchten,
in das ewige Feuer,
das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!
42 Denn ich war hungrig
und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig
und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
43 ich war fremd
und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt
und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis
und ihr habt mich nicht besucht.
44 Dann werden auch sie antworten:
Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig
oder fremd oder nackt
oder krank oder im Gefängnis gesehen
und haben dir nicht geholfen?
45 Darauf wird er ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt,
das habt ihr auch mir nicht getan.46Und diese werden weggehen
zur ewigen Strafe,
die Gerechten aber
zum ewigen Leben.
