Im Vorbeigehen lese ich auf einer Tür: „Beim Stehlen ganz schlechtes Karma und Wiedergeburt als Ameise.“ Ich muss dankbar schmunzeln, dass sich hier jemand kreativ etwas einfallen lässt. Gleichzeitig erinnert es mich an all die unterschiedlichen Auffassungen von dem, was wir das Leben nennen – vor und nach der Geburt, nach dem Tod… Auch an die verschiedensten Warten, von denen aus wir das Leben betrachten können.
Wieder einmal spüre ich begriffliche Demut: ich möchte nicht allgemein über „das Leben“ reden. Ich kann mich nur für ein konkretes Leben entscheiden und über diese meine Entscheidung reden. Ich kann zwar abstrahieren und Tendenzen ausmachen, doch letztendlich liegt es ausserhalb meiner Reichweite zu beurteilen, über wie viel von dem Leben an sich ich rede. Vielleicht erfassen die kühnsten Abstraktionen nur 1% von dem, was manche das Geheimnis des Lebens nennen. Geheimnis gefällt mir. Nicht, weil es geheim sein sollte, sondern, weil ich darüber kein abschliessendes Wort aussprechen kann.
Ich glaube bei Alfred Adler gelesen zu haben, dass es aber nicht ‚die Geschichte meines Lebens“ geben kann, denn mein Leben würde nur als Ansammlung der einzelnen Momentpunkte bestehen. Ich hätte keine Vergangenheit und keine Zukunft in diesem Sinne. Ich sei nur jetzt und hier. Auch wenn ich damit für mich nicht einverstanden bin, kann ich dieser Vorstellung viel abgewinnen, denn dadurch scheint es mir leichter möglich, mich nicht ausgeliefert zu fühlen. Ich kann mich jederzeit freier entscheiden – wie ich mich fühlen möchte, was ich tun möchte,…
Sollte nach Adler mein Leben keine zusammenhängende Linie sein, dennoch kann/will ich ihm einen roten Faden geben. Und zwar anhand dessen, worauf ich mich regelmässig in meinem Inneren beziehe. Im Bezug worauf treffe ich meine – sei es auch voneinander unabhängige – Entscheidungen. Ich kann meinem Leben eine Mitte geben. Eine Mitte, die möglichst viel in mir und um mich herum zusammenbringt und -hält. Mitte, die nicht ausschliessen, sondern verbinden kann. Meine inneren Anteile unter sich und meine Mitmenschen/mein Umfeld mit mir. Welche Art von Mitte könnte es gewährleisten? Kommunikation, Einssein, Liebe?
Auf jeden Fall will ich mein Leben nicht einfach als unzusammenhängende Beschäftigungen hier und da verstreichen lassen, sondern ihm eine bewusst gewählte Mitte geben. Alles als ein Ganzes sehen zu können, alles mit allem in einer Wechselwirkung, ohne etwas für überflüssig, unbedeutend zu erachten – das wäre eine von mir gewählte Mitte. Sehr vereinfacht und der Grenzen bewusst möchte ich sagen „Gott“. Gott als Lebensmitte, Gott als Zusammenschau.
