
Ein Talent ist eine Silbermünze und zu der Zeit Jesu ist sie 100 Denare wert.
Der Tagelohn eines ungelernten Arbeiters wird mit einem Denar angegeben.
Man musste damals also etwa 100 Tage lang arbeiten, um ein Talent zu verdienen.
Schuld in der Höhe von 10 000 Talente wurde geschenkt…
Fast dreitausend Jahre müsste man damals dafür arbeiten.
Hier vergibt einer, der nicht zählt, der nicht nachrechnet, nicht nachträgt.
So viel der Einstieg des Gleichnisses.
Petrus ist überzeugt, großmütig genug zu sein, wenn er anbietet 7 Mal zu vergeben. Petrus hat Jesus beobachtet und gesehen, dass Jesus Vergebung zum Kern seiner Botschaft vom Reich Gottes macht.
Immer und immer wieder will Petrus auch vergeben, bis zu 7 Mal.
Er kommt sich groß darin vor.
Jesus ist das nicht genug. Seine Botschaft geht radikaler.
Sein Reich ist mehr als die 7 Mal zusammengezählte Summe von Vergebung, die Petrus sich abringen will.
77 Mal sollst du vergeben! – sagt Jesus und meint damit die Sprengung des Zählens.
Nicht 7 sondern 77 sprengt jeden Rahmen.
Es meint das radikal Andere.
Jesus durchbricht die Mauer des Rechnens.
Mit seinem Gleichnis des Königs, der unendliche, unüberschaubare Millionenbeträge von Geldschuld erlässt, sprengt er die Grenze des nach unseren Gesetzen Vorstellbaren.
Er will den Raum nicht bloß erweitern, nicht einfach die Wände etwas beiseite schieben, sondern den Raum aufreißen, die Wände zum Einsturz bringen, damit wir aufrecht stehen können, vor uns die Weite des Horizontes.
Jesus sagt uns: „Ihr sollt eurer Liebe keine Grenzen setzen, wie es auch euer himmlischer Vater tut.“
Keine Grenzen zu setzen ist eine Art, auf Gottes Führung zu vertrauen.
Wenn wir alles selber regeln wollen, dann steigen wir aus dem Raum der Gottes Barmherzigkeit heraus. Dann vertrauen wir mehr auf unsere eigene Fähigkeiten – auf unser eigenes Ego.
Haben Sie sich je gewundert, warum dieser Diener nach dem ihm so viel – wirklich unglaublich viel erlassen wurde – warum in aller Welt er so reagiert?
Gegenüber seinem Mitdiener wegen ein paar Peanuts?
Er sollte sich doch freuen, allen lauthals verkünden – ich schenke allen, die mir etwas schulden, ihre Schuld!
Singend nach Hause gehen sollte er und alle Nachbarn einladen und ein grosses Fest vorbereiten – alle Getränke, alles bezahlen und sich mit seiner Frau und Kindern freuen und dankbar sein.
Gnade und Vergebung sind immer eine Demütigung für das Ego.
Dieser Diener fühlt sich gedemütigt. Er ist aufgebracht. Haben Sie es je selber erlebt? Wenn Sie jemanden verzeihen und er dann noch aggressiver reagiert?
Oder wenn zu Ihnen selbst jemand sagte – ich vergebe dir – und so etwas beleidigt Sie? Was? Du willst mir vergeben? Ausgerechnet Du?
Das eigene aufgeblasene Ego reagiert immer so auf Vergebung. Findet dann immer sehr gute Gründe für eigene Empörung – sei es die fehlende Gerechtigkeit, sei es der Drang den Anderen erziehen zu wollen.
Das eigene Ego kann es nicht haben, dass der Andere besser, barmherziger sein könnte, das Ego vergleicht sich.
Unser Ego, unser selbstgebasteltes Bild von Gott und von uns selber, all das muss sterben. Das scheint eine der Antworten, die wir Christen vom Kreuz lernen könnten.
Am Kreuz – genau so tut es weh, wenn sich unser Herz und unser Denken ändern.
Wenn wir nicht mehr unter dem Vorwand der Gerechtigkeit die Anderen die Konsequenzen ihrer Taten sozusagen ausfressen lassen wollen, uns für sie die Strafe Gottes heimlich wünschen, sondern hören mit zählen und vergleichen und urteilen auf.
So übernehmen wir eine neue Denkweise.
Metanoia – Gesinnungsänderung.
Eine Denke, die liebt, vergibt, die einen immer in den Raum der Verbundenheit hineinwirbt.
Es könnte in meinem Leben Schluss sein mit dem ewigen Träumen von einer besseren Welt, einem Träumen, das dann immer beim Träumen stehen bleibt.
Es könnte in meinem Leben Schluss sein mit dem ewigen Gerede, dass ich ja doch nichts ändern kann.
Denn nur wo das zu Ende ist, kann ein Anfang sein.
Anfang einer Welt, die eben nicht unbarmherzig, friedlos und ungerecht ist.
Es würde endlich ein Anfang sein, ein Anfang, wie ihn nur Menschen machen können. Menschen, die eben vergeben, wo andere unbarmherzig sind, die Frieden stiften, wo überall sonst Krieg angezettelt wird, und die den Mut haben, dies trotzdem zu tun, auch wenn die Umstände immer noch so sind, dass man dann wie selbstverständlich eben den Kürzeren zieht.
Deshalb will ich vergeben, deshalb will ich meinem Bruder und meiner Schwester immer und immer wieder vergeben: Damit endlich das Neue beginnt, die Logik des Himmelreiches.
Diese Predigt bezieht sich auf das folgende Gleichnis
Evangelium nach Matthäus (Mt 18,21–35)
In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.
