Stellen Sie sich bitte eine Frau und einen Mann an einem See vor. Beide sind in der Gegend aufgewachsen, beide haben bereits als kleine Kinder in diesem See gebadet. Die Frau schaut auf den See und erinnert sich an all die wunderschöne Nachmittage, Sommerfreizeiten, die sie hier verbracht hatte. Sie denkt an Spaß, Schwimmen, Sommer, Freunde.
Er schaut auch auf den See und erinnert sich an das Gefühl, als er noch im Vorschulalter fast ertrunken war, an die Tiefe, Kälte, Nässe, Wasser in der Lunge, Schnappen nach der Luft und die Panik.
Sehen beide wirklich denselben See?
…vielleicht optisch ja.
Heute entdecken wir viel davon, wie sich jeder Einzelne von uns eine eigene Karte der Welt aufgrund der Eigenen Sinneseindrücke und Erfahrung konstruiert. Wir verstehen zunehmend besser, dass die Menschen aufgrund ihrer Erfahrung handeln und nicht aufgrund der Wirklichkeit.
Wenn beide – sowohl die Frau und auch der Mann – so langsam in den See hineingehen – können Sie sich vorstellen, dass es sich in beiden völlig anders anfühlt, dass sie zwar eigentlich das gleiche tun und doch eine völlig andere Welt in sich gerade erleben?
Wir reden sozusagen von zu Hause aus jeder seine/ihre eigene Sprache, die die Anderen nicht verstehen können.
Wir alle hier sind woanders gross geworden, sogar in anderen Kulturen, mit anderen Erlebnissen, mit anderen Einflüssen – wie können wir erwarten, dass die Anderen das gleiche Erleben haben wie ich.
Vielleicht heisst Pfingsten, dass es doch einen Raum gibt, wo wir uns tatsächlich verstehen und einander begegnen können.
Wo wir alle Unterschiede unter uns – Herkunft und Sprache – Parther, Meder, Elamiter, Römer, Kreter und Araber überbrücken können oder wo sie nicht als trennend sondern viel mehr verbinden wirken.
Eine meiner Erklärungen lautet, dass es in uns eine Ebene, eine Dimension oder nennen wir es auch eine Tiefe gibt, auf der wir alle verbunden sind, in der wir uns so verständigen und verstehen können, als würden wir eine Muttersprache sprechen. Wo fühlen Sie sich den Anderen so sehr verbunden, dass die Sprache, die Sie sprechen keine Rolle spielt? Wenn Sie mitleiden? Wenn Sie sich mit-freuen?
Haben Sie sich je die Frage gestellt, warum ist das grosse Zeichen der Liebe für uns Christen das Kreuz und nicht zum Beispiel der Moment, in dem Jesus einen Aussätzigen berührt – wo er sich und seinen Jüngern mit vollem Risiko der Ansteckung einen Todersurteil zuziehen kann?
Warum wir als größtes Zeichen der Liebe nicht eine aktive Bewegung auf den Anderen zu haben, sondern ein Kreuz, wo man sich nicht aufeinander zu bewegen könnte auch wenn man es möchte?

Für mich hängt es mit diesem Brausen, dem heftigen Sturm, den ich in mir immer wieder erlebe zusammen.
Ich kenne dieses Getöse in mir, diesen Sturm, in dem ich hin und her gerissen werde, wo ich mit dieser Welt kämpfe, an ihr leide, wo ich helfe, mich auf die Anderen zubewege und dennoch merke – es reicht nicht, wie viel noch soll ich tun? Wo ich aufgrund Unzulänglichkeiten, Ungerechtigkeiten letztlich nichts anderes hören kann als Getöse, als Lärm, Unruhe in mir.
Ich kenne aber auch einen anderen Zustand in mir – einen, in dem ich die Welt annehme wie sie ist, sie umarme, nicht ablehne – sie liebe. Da erlebe ich viel Ruhe, kein Be- und Abwerten, keine Rettungsaktionen für die Anderen.
Ich akzeptiere, dass ich nicht alle lieben kann, nicht alle retten kann. Doch ich kann in mir einen Raum der Liebe halten, zulassen. Raum in mir, wo ich umarme und Umarmung zulasse.
Nach Aussen hin kann es wie eine Resignation aussehen, reglos, nach innen kann es sich wie Tod und Kreuzigung anfühlen – ich merke aber, dass es eine grosse Überschrift trägt – ein grosses sich Überlassen. Vertrauen zu können. Wenn ich nicht auf eine der Seiten sozusagen kippe – entweder in Panik oder in Resignation. Ich entscheide mich den Raum der Liebe in mir selbst nicht aufzugeben. Dann ändert sich in mir etwas und dann mache ich immer die Erfahrung, dass ich nicht allein bin, dass unter meinem Kreuz auch noch Andere da sind.
Ich mache dann die pfingstliche Erfahrung, dass durch die verschlossenen Türen meiner Furcht sich ein Zugang zu einer anderen Wirklichkeit öffnet – nennen wir sie Jesus, der mit seinen Wunden hereintritt und mit voller Kraft sagt: Der Friede sei mit dir. Habe keine Angst, empfange den göttlichen Geist.
Und dann bin ich einfach nur be-geistert. Begeistert vom Leben, von Menschen, von der Welt und von Gott. Die Liebe ist für mich der Raum, in dem wir uns verständigen und begegnen können – was sonst?
